"Der Bedarf an einer Gesamtschule ist definitiv da" - MIR-Sommerinterview mit Janine Abraham (BfM)
Michendorf – Viel Lob, wenig Selbstkritik: Für das Bündnis hinter der amtierenden Bürgermeisterin beantwortete Fraktionsvorsitzende Janine Abraham (BfM) die Fragen der MIR schriftlich. Das eigentlich geplante persönliche Sommerinterview kam nicht zustande.
Sie spricht über Jugendangebote, Barrierefreiheit, Klimawandel und die klamme Gemeindekasse. Dabei zeichnet sie ein überwiegend positives Bild von Bündnis und Verwaltung – die Ursachen der Haushaltsprobleme und die politische Verantwortung dafür bleiben dagegen weitgehend außen vor.
Außerdem erklärt Abraham, warum sie sich einen kostenfreien Elektro-Rufbus und eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe wünscht, was ihr an der politischen Zusammenarbeit in der Gemeinde wichtig ist – und welcher Sommermoment für sie ganz persönlich zu Michendorf gehört.
Was beschäftigt die Menschen in Michendorf aus Ihrer Sicht aktuell am meisten?
"Es gibt aus meiner Sicht derzeit keine klare Antwort hierauf. Michendorf beschäftigen derzeit sowohl globale Themen, die Auswirkungen auf uns vor Ort haben, als auch ganz konkrete Dinge hier in unserem „Inner Circle der Gemeinde“.
Der Klimawandel hat uns fest im Griff und das sieht man nicht nur an den Wetterextremen, sondern auch an den schwindenden Wasserständen des Seddiner See, des Herthasees oder des Irissees.
Darüber hinaus beschäftigt die Menschen in Michendorf auch die steigenden Energiekosten, zum Beispiel auf Grund der geopolitischen Situationen. Hier wird deutlich, wie Rohstoffe zum politischen Druckmittel werden können oder man bei fossilen Brennstoffen von bestimmten Handelsrouten abhängig ist. Ein Umstieg auf Elektromobilität wäre schön, ist aber auch finanziell nicht für jeden sofort umsetzbar. Und wenn so wie in den letzten Wochen, der RE7 gar nicht über Michendorf sowie Wilhelmshorst fährt, sind viele Berufspendelnde wieder auf den Individualverkehr angewiesen. Dies fördert nicht gerade den Umstieg auf den ÖPNV.
Als Mutter von zwei Kindern im Teenageralter weiß ich, dass die Kinder und Jugendlichen in den Sommerferien vor allem die Frage beschäftigt, was sie in ihrer Freizeit machen können. Viele freuen sich, dass es seit April wieder einen Jugendtreff in Michendorf gibt und dieser MiCHECK Jugendclub an drei Tagen in der Woche geöffnet ist. Aber es wird auch die Eröffnung der Sport- und Freizeitstätte an der Umgehungsbahn im September 2026 herbeigesehnt oder die Freigabe der Basketballplätze auf dem Schulcampus der Grundschule Michendorf für die Öffentlichkeit.
In Bezug auf das Leben in der Gemeinde Michendorf schaue ich aktuell auf unsere Haushaltslage. Es geht um die Frage, was sich unsere Gemeinde in Zukunft neben den pflichtigen Aufgaben leisten kann und wo Schwerpunkte gesetzt werden müssen. Sei es bei der Sanierung unserer Straßen, dem Ausbau und Erhalt von Sportstätten oder Kitas oder der nachhaltigen Unterstützung unseres Ehrenamtes, das unser Gemeinschaftsleben überhaupt erst trägt."
Wo läuft es in Michendorf derzeit gut und wo muss Ihrer Meinung nach noch nachgebessert werden?
"Wenn ich auf die vergangenen Jahre blicke, sehe ich eine sehr positive Entwicklung in Michendorf. Trotz der spürbar immer schwierigeren Haushaltslage ist es gelungen, viele wichtige Vorhaben erfolgreich umzusetzen oder auf den Weg zu bringen. Der Ausbau des Grundschulcampus Michendorf, das neue Feuerwehrgerätehaus in Stücken, der Erhalt der Kita in Langerwisch und die Freizeitanlage an der Umgehungsbahn zeigen deutlich, dass die Gemeinde in Bildung, Sicherheit und Freizeit investiert. Mit der Einführung und dem Erhalt der Buslinie 613 über Langerwisch und Saarmund zum SternCenter wurde der ÖPNV ausgebaut.
Gleichzeitig gibt es Bereiche, in denen weitere Maßnahmen ergriffen und achtsam geblieben werden muss. Zum Beispiel beim Thema Barrierefreiheit und echte Teilhabe.
Barrierefreiheit betrifft keineswegs nur Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Es geht genauso um ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger, um Familien mit Kinderwagen oder um Neuzugezogene, die sich in unserer Gemeinschaft schnell einleben möchten. Dazu gehören auch der ÖPNV und die Rad-Infrastruktur. Die Anbindung zwischen den einzelnen Ortsteilen, aber auch gemeindeübergreifend ist an vielen Stellen noch ausbaufähig, um allen Menschen ohne eigenes Auto Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Michendorf hat ein reichhaltiges Vereins- und Kulturangebot. Es ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Zusammenlebens. Diese Vielfalt wird durch das Engagement von Ehrenamtlichen getragen. Hier muss ganz genau hingeschaut und dafür Sorge getragen werden, dass diese Strukturen erhalten bleiben. Die Engagierten sollen weiterhin die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, damit auch in Zukunft neue Ideen umsetzbar sind.
Teilhabe ist kein Projekt, das man einmal abhakt, sondern eine dauerhafte Querschnittsaufgabe für uns alle in der Gemeinde, sowohl in der Kommunalpolitik als auch im alltäglichen Miteinander.
Darüber hinaus sind Freizeit- und Aufenthaltsmöglichkeiten für die Kinder und Jugendlichen überaus wichtig. Im Sportstättenkonzept der Gemeinde wird aufgezeigt, dass neben den bestehenden Turnhallen und Sportplätzen, für deren Nutzung meist eine Vereinszugehörigkeit benötigt wird, auch weitere Angebote (weiter-) entwickelt werden sollen, bspw. den neuen Michendorfer Jugendclub oder auch die Freizeitstätte an der Umgehungsbahn. Diese sollen für die Kinder und Jugendlichen barrierefrei zugänglich sein. Hiervon darf es gern noch mehr geben.
Seit kurzem gibt es auch das Wasserspiel in der Apfelmitte direkt vor dem Rathaus, welches sehr gut angenommen wird. Wünschenswert wäre jetzt sicher noch, wenn die Apfelmitte noch etwas mehr Grün und weniger versiegelte Flächen hätte, aber genauso auch, dass sich für die freien Gewerberäume vielleicht noch ein Café fände."
Welche Entscheidung würden Sie für Michendorf sofort treffen, wenn Geld und Bürokratie keine Rolle spielen würden?
"Wenn Geld und Bürokratie von heute auf morgen keine Rolle mehr spielen würden, gäbe es für mich zwei zentrale Handlungsfelder. Zum einen die Umsetzung der Projekte, die an den aktuellen finanziellen Hürden scheitern, und zum anderen der Ausbau unserer Infrastruktur.
Finanziell geht es mir vor allem um Vorhaben, die unseren Bürgerinnen und Bürgern direkt zugutekommen, für die die Mittel zumindest aktuell schlicht fehlen oder die Finanzierung noch nicht endgültig darstellbar ist: Das betrifft etwa die vollständige Umsetzung des Konzepts für die Freizeitanlage an der Umgehungsbahn oder den Umbau des alten Feuerwehrgerätehauses in Stücken zu einem Mehrvereinsheim. Der so dringend benötigte Neubau der Sporthalle für die Grund- und Oberschule Wilhelmshorst verzögert sich auch auf Grund der Haushaltslage. Es gibt auch immer Bedarf an Wohnraum sowohl für altersgerechtes Wohnen, als auch sozialen Wohnraum. Gerade wenn Menschen in Michendorf bleiben wollen, aber die eigene Immobilie zu groß wird oder eben nicht barrierefrei ist. Das Projekt in der Potsdamer Str. hat gezeigt, dass auch mehr Sozialwohnungen benötigt werden.
Blicke ich auf eine neue Idee, würde ich ein innovatives Mobilitätskonzept umsetzen. Das wäre ein kleiner, kostenfreier, vollelektrischer und lokal emissionsfreier Rufbus. Inspiriert von Ridepooling-Diensten wie MOIA in Hamburg könnte ein flexibler Bus für bis zu sechs Fahrgäste alle unsere Ortsteile nahtlos miteinander und vielleicht sogar direkt mit dem Hauptbahnhof Potsdam verbinden. Das wäre eine perfekte Ergänzung zum klassischen ÖPNV.
Fällt jedoch auch die Bürokratie weg, fiele meine Entscheidung für Michendorf eindeutig auf die Errichtung einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe (Abitur nach 13 Schuljahren).
Die Gründe dafür sind offensichtlich. Im Landkreis Potsdam-Mittelmark gibt es Gesamtschulen bisher nur in Kloster Lehnin, Kleinmachnow, Teltow, Treuenbrietzen sowie eine evangelische Gesamtschule in Werder. Viele Michendorfer Familien versuchen daher seit Jahren, einen der begehrten Plätze im nahegelegenen Potsdam zu ergattern. Doch der Druck auf die weiterführenden Schulen wächst extrem. Da Potsdam bei den Schulplätzen primär eigene Einwohnerinnen und Einwohner berücksichtigen muss, fallen diese Optionen für uns zunehmend weg.
Der Bedarf an einer Gesamtschule ist definitiv da. Zwar schätze ich den Luxus sehr, dass Michendorf sowohl eine Oberschule als auch ein Gymnasium hat. Dennoch fehlt die Möglichkeit zur Hochschulreife zu gelangen, ohne den Leistungsdruck oder das anspruchsvollere Konzept des Gymnasiumszu haben. Schließlich würde durch eine eigene Gesamtschule auch lange Fahrtwege entbehrlich werden. Das gilt genauso für Schülerinnen und Schüler aus unseren Nachbargemeinden. Schwielowsee hatte dieses Thema bereits 2023 eingebracht, scheiterte damals jedoch am Schulentwicklungsplan des Landkreises, der eher auf den Ausbau bestehender Standorte setzte."
Was darf Michendorf in den kommenden Jahren auf keinen Fall verlieren?
"Wenn ich darüber nachdenke, was Michendorf auf keinen Fall verlieren darf, möchte ich zwei Punkte betrachten. Zum einen unsere politische Handlungsfähigkeit auf der einen Seite und unsere hohe Lebensqualität für alle Generationen auf der anderen.
Politisch, und das sage ich ganz bewusst auch als Gemeindevertreterin und Fraktionsvorsitzende des Bündnisses für Michendorf, darf unsere Gemeinde auf keinen Fall ihre Bürgermeisterin [ebenfalls BfM] verlieren. Mit ihr hat Michendorf eine absolut kompetente, umsichtige und engagierte Frau an der Spitze der Verwaltung, die Michendorf spürbar voranbringt. Ebenso essenziell ist für mich unsere politische Arbeitskultur. Die konstruktive, sachthemenorientierte Arbeit in den Gremien und der respektvolle Umgang der Fraktionsmitglieder untereinander sind ein hohes Gut, das unbedingt bewahrt werden muss.
Der zweite Bereich betrifft den Erhalt der Lebensqualität in Michendorf. Die Gemeinde steht genau wie viele andere Kommunen vor den Auswirkungen des demografischen Wandels. Dass sich die Rahmenbedingungen verändern, sieht man heute beispielsweise schon an sinkenden Geburtenzahlen. Eine schrumpfende Gemeinde wäre fatal, denn dann sinken Angebote von Vereinen. Dies bedingt, dass Ehrenamt oder die Kulturangebote schwinden würden. Die Anzahl an Ärzten, Kitas und Schulen ließe sich nicht halten, Gewerbe und Gastronomie würde abwandern.
Das bedeutet für mich, dass der Blick für das Wesentliche nicht verloren gehen darf. Es muss äußerst sparsam mit den Steuermitteln unserer Bürgerinnen und Bürger umgegangen und kluge, vorausschauende Konzepte entwickelt werden, etwa wenn es darum geht, wie unsere Schul- und Kita-Gebäude auch bei sich verändernden Bedarfen nachhaltig und flexibel nutzbar sind. Darüber hinaus darf das Gewerbe in Michendorf nicht verloren gehen. Unsere ansässigen Unternehmen und Gewerbetreibenden sichern Arbeitsplätze, stärken die lokale Wirtschaft und sichern Einnahmen für den kommunalen Haushalt. Es ist deshalb enorm wichtig, die vorhandenen Betriebe bestmöglich zu unterstützen und zu halten und dort, wo geeignete Flächen vorhanden sind, auch gezielt neues Gewerbe anzusiedeln.
Kurz gesagt ist es essenziell wichtig die globalen und demografischen Herausforderungen lokal mit Vernunft zu begleiten. Was auf keinen Fall verlieren gehen darf, ist der Anspruch, Michendorf lebenswert, finanziell handlungsfähig und nah am Alltag aller Generationen zu halten."
Welcher Ort oder welcher Moment steht für Sie persönlich für „Sommer in Michendorf“?
"Für mich ist der Sommer in Michendorf eine Mischung aus wunderschönen Orten direkt vor unserer Haustür und ganz besonderen Augenblicken im Freien.
Wenn ich an Lieblingsorte im Sommer denke, fällt mir natürlich der Seddiner See ein. Das ist einfach ein Stück Lebensqualität pur. Genauso stehen für mich aber auch die leuchtenden Sonnenblumenfelder für den Sommer, wie man sie beispielsweise so schön auf dem Weg zwischen Langerwisch und Wilhelmshorst sieht.
Der persönliche Sommermoment ist für mich ganz klar ein lauer Sommerabend. Wenn der Tag langsam ausklingt und man mit guten Freunden bei netten Gesprächen und einem leckeren, kühlen Getränk zusammenzusitzen kann – ob im eigenen Garten oder entspannt am See. "
Und zum Schluss ganz klassisch: Meer, Berge, Brandenburg oder Balkonien?
"Für mich ist es die perfekte Mischung! Ich verreise mit meiner Familie unglaublich gerne in Richtung Meer. Aber gar nicht, weil es mir zu Hause nicht gefallen würde, sondern einfach, um im Urlaub mal ganz bewusst den Kopf freizubekommen und eine echte Auszeit vom Alltag zu genießen.
Aber genauso schön ist auch die Rückkehr: Wenn ich nach der Auszeit auf dem Heimweg bin, freue ich mich riesig auf unser Zuhause und bin einfach froh, wieder in Michendorf zu sein. Ich habe das große Glück, hier im Land Brandenburg genau dort zu leben, wo andere liebend gerne ihren Urlaub verbringen."





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