„Viele denken, man schiebt nur ein paar Schriften hin und her“ - Grit M. Wolff über 25 Jahre kittyfix
Wilhelmshorst - Ob Firmenlogo, Werbeplakat, Broschüre oder Schallplattencover: Hinter dem öffentlichen Auftritt vieler Unternehmen stehen Menschen, die selbst kaum jemand kennt. Eine von ihnen ist Grit May Wolff. Seit 25 Jahren ist die Grafikdesignerin mit ihrem Unternehmen kittyfix…design selbstständig. Zu ihren Kunden der vergangenen Jahre zählen bekannte Michendorfer Unternehmen wie die Kleeapotheke oder der Fliederhof Syring sowie Unternehmen und Einrichtungen aus Potsdam, Berlin und ganz Deutschland.

Im Interview mit der Michendorfer Rundschau spricht sie über ein Vierteljahrhundert Selbstständigkeit, wirtschaftliche Rückschläge und darüber, warum künstliche Intelligenz für ihre Branche zur Bedrohung werden könnte.
25 Jahre kittyfix…design – war Ihnen dieses Jubiläum eigentlich bewusst?
„Ich habe tatsächlich erst festgestellt, dass ich nicht nächstes Jahr mein 25-jähriges Bestehen habe, sondern schon dieses Jahr. Da bin ich ganz erschrocken! In dieser Zeit habe ich mir einen sehr breit gefächerten Kundenstamm aufgebaut. Früher habe ich viel deutschlandweit gearbeitet, nach Corona ist es wieder regionaler geworden. Aber ich habe auch weiterhin überregionale Kunden.“
Wie sind Sie überhaupt zur Grafikgestaltung gekommen?
„Ich habe sogar zweimal studiert. Kurz nach der Wende begann ich an einer Fachschule. Dort konnte man auch ohne Abitur studieren, wenn man eine abgeschlossene Berufsausbildung hatte. Wir lernten Bleisatz, Siebdruck und Buchbinderei. Dieses Handwerk hilft mir bis heute. Dann wurde die Schule abgewickelt. 1995 hatten wir unsere Diplomarbeiten, aber keinen vollwertig anerkannten Abschluss. An der Fachhochschule Potsdam studierte ich bis 1998 weiter. Insgesamt sieben Jahre!“
Wie begann Ihre Selbstständigkeit?
„Ich habe in Agenturen gearbeitet und parallel eigene Kunden betreut. Mit zwei Freunden gründete ich später im Holländischen Viertel in Potsdam eine Firma. Das ging nach zwei Jahren böse schief. Wir sind nicht mehr befreundet. Zum Glück hatte ich weiter eigene Kunden, auf die ich wieder aufbauen konnte.“

Viele Menschen sehen ein fertiges Logo oder Plakat. Aber wer steckt eigentlich hinter dem Auftritt eines Unternehmens?
„Viele denken, man sitzt ein bisschen am Computer, schiebt ein paar Schriften hin und her und dann ist das Layout fertig. Aber so funktioniert das nicht. Ich überlege mit meinen Kunden, was sie eigentlich brauchen. Muss es wirklich ein Flyer sein? Wer soll den verteilen? Vielleicht wäre eine Postkarte oder ein Plakat viel sinnvoller. Es geht darum, mitzudenken und die Kunden zu beraten. Der Beruf heißt ja auch Kommunikationsdesigner. Erst mal reden, dann kommt das Design.“
Welche Projekte machen Ihnen besonders viel Spaß?
„Kalligrafie ist eine richtige Passion. Für die Stiftung Familienunternehmen schreibe ich seit vielen Jahren Einladungskarten. Ich gestalte auch Cover für ein Schallplattenlabel, das sich auf unveröffentlichte Musik aus der ehemaligen DDR spezialisiert hat. Welche Schrift war damals aktuell? Wann entstanden die Fotos? Was passt zur Musik? Die Vinyl-Community schätzt solche Sachen. Gerade auch die Booklets, in denen Texte stehen und die man wirklich anfassen kann.“
Wie hat Corona Ihre Arbeit verändert?
„Von einem Tag auf den anderen gab es keine Aufträge mehr. Meine selbst entwickelten Notfallsets haben mich ein Stück weit gerettet. Ich konnte meine Shops ausbauen. Ich musste mein Potsdamer Büro aufgeben und ins Homeoffice wechseln. Aber eigentlich ist das auch gut, denn es spart monatlich 600 bis 700 Euro und schafft damit Freiraum, um mal etwas ehrenamtlich zu machen.“
Taiji ist Ihr zweites berufliches Standbein. Wie kam es dazu?
„Ich unterrichte seit vielen Jahren Taiji und Qi Gong, auch hier vor Ort. 2014 hatte ich einen Burnout. Da habe ich gemerkt: Stundenlanges, tagelanges Sitzen am Computer ist nicht gut für meinen Körper. Deshalb habe ich die Kurse ausgebaut und das Grafikdesign etwas zurückgefahren. Das ist eigentlich eine gute Kombination. Schwierig wird es nur, wenn langjährige Kurse plötzlich wegfallen. Mit Ende 50 hat man auf solche Unsicherheit irgendwann keine Lust mehr.“
Inzwischen arbeiten Sie zusätzlich im Fliederhof Syring.
„Seit Jahresanfang. Erst dachte ich, Büroarbeit ist nichts für mich. Aber es geht eben nicht nur ums Büro, sondern auch um Gestaltung, Veranstaltungen und die Betreuung von Brautpaaren. Das passt zu mir und zu dem, was ich kann.“
Künstliche Intelligenz verändert gerade Ihre Branche. Hilft sie Ihnen oder schadet sie eher?
„KI ist für mich erst einmal ein Werkzeug, wie eine Schere, ein Cutter oder ein Klebestift. Bei alten Fotos kann sie beispielsweise viel Retuschearbeit sparen. Aber die Ergebnisse sind häufig fehlerhaft. Plötzlich hat jemand nur noch vier Finger oder im Bild taucht etwas auf, das dort gar nicht hingehört. Deshalb muss ich die Ergebnisse trotzdem genau kontrollieren.“

Wo beginnt für Sie das eigentliche Problem?
„Wenn Unternehmen anfangen, sich mit austauschbaren KI-Bildern darzustellen. Bei einem Kinderflohmarkt eines Vereins finde ich das überhaupt nicht schlimm. Aber wenn Firmen oder Gemeinden das machen, sehe ich das kritisch. Man muss doch überlegen, welche Zielgruppe man erreichen möchte. Manche Plakate sehen inzwischen alle gleich aus. Man tauscht das Bild aus und schon bewirbt man etwas völlig anderes. Ich habe Angst, dass die Menschen sich daran gewöhnen und irgendwann niemand mehr wertschätzt, was ein Grafiker eigentlich macht.“
Was kann ein menschlicher Designer besser als ein KI-Programm?
„Mitdenken und beraten. Ich habe Kunden, die ich seit Jahrzehnten begleite. Die wissen, dass ich versuche, alles möglich zu machen, schnell bin und auch mal um die Ecke denke. Die wissen auch, dass hinter einem Entwurf viel mehr Arbeit steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Genau das wird heute oft unterschätzt.“
Ist die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen etwas Besonderes?
„Absolut. Wenn das Internet nicht funktioniert, was hier ja öfter vorkommt, fahre ich einfach mal kurz vorbei. Dann setzen wir uns beispielsweise in der Kleeapotheke zusammen, schauen uns die Entwürfe an und können entscheiden, wie es weitergeht. Dieses Eins-zu-eins finde ich richtig schön. Man kennt sich und begegnet sich auch beim Einkaufen wieder. Da muss man anständig bleiben. Mir macht dieser persönliche Kontakt wirklich Spaß.“
Woher stammt eigentlich der ungewöhnliche Name kittyfix?
„Als kleines Mädchen hing ich sehr an einem Freund meiner Eltern. Irgendwann sagte er: ‚Du bist heute wie Kittifix.‘ Daraus wurde mein Spitzname Kitty. Als ich später einen Firmennamen suchte, fanden meine Freunde, dass das doch naheliegt. Ich habe die Schreibweise verändert und ‚design‘ angehängt. Das Lustige ist: Ostdeutsche verbinden den Namen mit dem Klebstoff, Westdeutsche eher mit Schnelligkeit. Ich finde, das passt immer noch.“





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