top of page

Aktionstag „Kommunen am Limit“: Hätte Michendorf nicht Grund zur Teilnahme?

Michendorf - Deutschlandweit schlagen Kommunen Alarm. Potsdam ruft zur Aktion auf. Städte, Landkreise und Gemeinden wollen am Montag, 22. Juni 2026, unter dem Motto „Kommunen am Limit“ ein Zeichen setzen.


Und Michendorf? Bleibt bislang still. Kein Post, keine Meldung, keine erkennbare Aktion – obwohl die eigenen Haushaltszahlen längst zeigen: Auch Michendorf steht finanziell unter Druck. Sehr sogar.


Kein Signal aus Michendorf

Die kommunalen Spitzenverbände rufen bundesweit dazu auf, auf die angespannte Finanzlage der Kommunen aufmerksam zu machen. Es geht dabei nicht um abstrakte Tabellen, sondern um das, was den Alltag vor Ort zusammenhält: Schulen, Kitas, Straßen, Feuerwehr, Sport, Kultur und Verwaltung.


Auch der Michendorfer Rundschau liegt ein entsprechendes Schreiben vom Deutschen Städtetag vor. Darin wird ausdrücklich für einen bundesweiten, dezentralen Aktionstag geworben. Kommunen sollen sich mit eigenen Aktionen, Stellungnahmen, Social-Media-Beiträgen oder Beispielen aus der Praxis beteiligen. Ziel ist ein starkes Signal an Bund und Länder.


Nach Informationen der Redaktion hat sich die Gemeinde Michendorf bisher nicht öffentlich an dem Aufruf beteiligt. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels fand sich weder auf der Website der Gemeinde noch auf den offiziellen Kanälen eine entsprechende Ankündigung. Eine Pflicht zur Teilnahme gibt es zwar nicht. Auffällig ist das Schweigen trotzdem. Denn Michendorf hätte gute Gründe, über Geld zu reden.


Sind die Zahlen laut genug?

Die öffentlich zugänglichen Haushaltsunterlagen zeigen: Michendorf steht nicht vor einem luxuriösen Polster, sondern vor einer eng zu beobachtenden Kassenlage. Im Bericht zur aktuellen Haushaltsentwicklung zum Stichtag 31. Mai 2026 wird der Schuldenstand der Gemeinde mit rund 18,22 Millionen Euro angegeben. Für das Haushaltsjahr 2026 besteht zudem eine weitere Kreditermächtigung für Investitionen von bis zu 3 Millionen Euro.


Noch deutlicher wird der Blick auf die Liquidität. Der geplante Zahlungsmittelbestand zum 1. Januar 2027 lag laut Haushaltsplanung bei rund 5,89 Millionen Euro. Der fortgeschriebene voraussichtliche Bestand wird in den Unterlagen dagegen nur noch mit rund 1,14 Millionen Euro angegeben. Unter Risikoberücksichtigung weist die Übersicht zum 31. Dezember 2026 sogar einen negativen Bestand von rund 470.000 Euro aus – also ein rechnerisches Kassenminus von fast einer halben Million Euro.


Das ist kein Zahlenfriedhof für Haushaltsprofis. Das ist der Stoff, aus dem später Gebührendebatten, verschobene Projekte und gekürzte Leistungen werden. Es geht um die finanzielle Grundlage für das, was Bürger vor Ort erwarten: funktionierende Schulen, verlässliche Kinderbetreuung, sichere Straßen, eine einsatzfähige Feuerwehr, gepflegte Grünflächen, Sportangebote, Kultur und eine Verwaltung, die erreichbar bleibt.


Potsdam macht es vor

Wie anders es laufen kann, zeigt die Landeshauptstadt Potsdam. Dort wurde bereits öffentlich zur Beteiligung am Aktionstag aufgerufen. Auf dem offiziellen Kanal hieß es am 19. Juni: „Mehr Aufgaben, zu wenig Geld: Kommunen sind am Limit.“ Potsdam kündigte für Montag, 22. Juni, eine Aktion vor dem Bildungsforum an.


Die Botschaft ist klar: Wenn Bund und Land Aufgaben übertragen, müssen sie auch die Finanzierung sichern. Genau diese Debatte betrifft nicht nur große Städte. Sie betrifft auch Gemeinden wie Michendorf. Denn auch hier müssen Kitas, Schulen, Brandschutz, Gemeindestraßen und Verwaltung bezahlt werden.


Viele Entscheidungen, die kommunale Haushalte belasten, werden allerdings nicht nur vor Ort getroffen, sondern auch auf Landes- oder Bundesebene. In der Gemeinde kommen sie trotzdem an – als Rechnung, als Pflichtaufgabe, als Erwartung der Bürger. Gerade deshalb wäre der Aktionstag eine Gelegenheit gewesen, die eigene Lage sichtbar zu machen.


Die Kasse kneift schon jetzt

Die Finanzlage ist in Michendorf längst nicht mehr nur ein Thema für Ausschüsse und Haushaltsordner. Sie ist im Alltag angekommen. Die MIR berichtete zuletzt über mehrere haushaltsrelevante Vorlagen: Verwaltungsgebühren sollen angepasst, der Bürgerhaushalt erneut ausgesetzt, die Wirtschaftsförderung weiter eingeschränkt und das Straßenreinigungsverzeichnis geändert werden.


Besonders spürbar könnte es bei aufwendigen Auskünften werden. Einfache mündliche Auskünfte sollen zwar weiterhin gebührenfrei bleiben. Wer aber Akteneinsicht, Recherche in Aktenbeständen oder Archivunterlagen benötigt, soll künftig mit 18,50 Euro je angefangene halbe Stunde rechnen müssen. Kurz gesagt: Eine einfache Nachfrage bleibt kostenlos – wer es genauer wissen will, könnte schneller zahlen.


Auch beim Bürgerhaushalt wird die Finanzlage konkret. Die Gemeinde plant, die Satzung zum Bürgerhaushalt aufzuheben. Erst für das Haushaltsjahr 2028 soll über eine mögliche Neufassung beraten werden. Begründet wird das unter anderem mit finanziellen Belastungen, hoher Kreisumlage, sinkenden Landeszuweisungen sowie Investitionen in Schulen und Sportstätten. Durch die Abschaffung würden 2027 Ausgaben in Höhe von 20.000 Euro entfallen.

Das ist politisch bemerkenswert: Während Bürgerbeteiligung aus finanziellen Gründen auf Eis liegt, bleibt ausgerechnet jener Aktionstag ungenutzt, der genau solche kommunalen Belastungen sichtbar machen soll.


Erst die Gebühr, dann die Debatte?

Auch an anderer Stelle zeigt sich, wie eng der Spielraum geworden ist. Die Wirtschaftsförderung soll 2027 erneut nicht voll aktiviert werden. Statt klassischer Zuschüsse sollen nur noch begrenzte Mittel für einzelne Maßnahmen bleiben – etwa für Mobilität, Veranstaltungen, Standortverbesserungen oder Ausbildungsinitiativen.


Bei der neuen Kita-Satzung bleiben die Elternbeiträge zwar unverändert. Gleichzeitig werden die Regeln bei Einkommensnachweisen strenger. Wer geforderte Unterlagen nicht rechtzeitig einreicht, kann automatisch zum Höchstbeitrag eingestuft werden. Auch Zusatzbetreuung kann teuer werden: innerhalb der Öffnungszeiten 25 Euro je angefangene halbe Stunde, außerhalb der Öffnungszeiten sogar 50 Euro je angefangene Stunde.


Dazu kommen Investitionen, die sich nicht einfach wegschieben lassen. Das Gemeindezentrum „Zum Apfelbaum“ könnte in den kommenden Jahren umfassend saniert werden. Die grobe Kostenschätzung liegt bei 500.000 bis 600.000 Euro. Betroffen sind unter anderem Elektrik, Heizung, Fenster, Sanitäranlagen, Fassade und Außentreppen.


Gebühren, Bürgerhaushalt, Wirtschaftsförderung, Kita-Regeln, Sanierungen: Die kommunale Finanzkrise ist in Michendorf nicht abstrakt. Sie hat längst Adresse, Aktenzeichen und mögliche Folgen für Bürger.


Was kommt von außen – was ist hausgemacht?

Natürlich entstehen viele Belastungen außerhalb der Gemeinde. Bund und Land beschließen Aufgaben, Standards und Vorgaben, die vor Ort umgesetzt und bezahlt werden müssen. Genau darauf zielt der Aktionstag „Kommunen am Limit“.


Aber eine Gemeinde kann sich auch nicht vollständig hinter äußeren Faktoren verstecken. Wer Gebühren anpasst, Bürgerprojekte aussetzt, freiwillige Leistungen infrage stellt und zugleich auf eine dramatische Haushaltslage verweist, muss transparent erklären, wo die Ursachen liegen.

Was ist Fremdbestimmung? Was ist Kostenexplosion? Was ist Kreisumlage? Und was ist Ergebnis eigener Prioritäten, eigener Entscheidungen und eigener Haushaltsführung?


Diese Fragen sind unbequem. Aber sie gehören gestellt. Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht darauf zu erfahren, ob Michendorf nur unter äußeren Zwängen leidet – oder ob auch eigene Entscheidungen zur angespannten Lage beigetragen haben.


Der Aktionstag wäre dafür eine Chance gewesen. Nicht als Schuldzuweisung, sondern als offene Bestandsaufnahme: Was kann Michendorf noch leisten? Was kann sich die Gemeinde nicht mehr leisten? Welche Projekte geraten ins Wanken? Und welche Entscheidungen haben die Kasse zusätzlich belastet?


Schweigen ist auch ein Signal

Michendorf muss nicht demonstrieren, keine Bühne aufbauen und keine großen Plakate drucken. Aber wäre angesichts der eigenen Haushaltslage zumindest eine klare öffentliche Position nicht naheliegend gewesen?


Denn wer über kommunale Finanzen spricht, spricht nicht über graue Verwaltungsmaterie. Es geht um Schulen, Straßen, Vereine, und eine Verwaltung, die mehr können soll, als nur Mangel zu verwalten.


Wenn Kommunen am Limit sind, sollte eine Gemeinde, die selbst spürbar unter Druck steht, nicht am Rand stehen bleiben. Vielleicht ist genau das die eigentliche Frage dieses Aktionstages: Warum reden andere Kommunen laut über ihre Not – und Michendorf nicht?

Kommentare


Kontakt zur Redaktion

Für Gastbeiträge, Pressemitteilungen, Veranstaltungseinladungen und redaktionelle Hinweise erreichen Sie die Redaktion der Michendorfer Rundschau unter redaktion@michendorfer-rundschau.de.

Gerne nehmen wir Informationen, Termine, Bildmaterial und Themenvorschläge aus Michendorf und den Ortsteilen entgegen. Bitte fügen Sie nach Möglichkeit alle relevanten Angaben sowie einen Ansprechpartner hinzu.

Logo (57).png
  • Facebook
  • Whatsapp
  • Instagram
  • X
  • LinkedIn

Gemäß § 19 des Umsatzsteuergesetzes (UStG) wird keine Mehrwertsteuer ausgewiesen, da unser Unternehmen der Kleinunternehmerregelung unterliegt.

 

Kontakt zur Redaktion: Redaktion@Michendorfer-Rundschau.de

© 2026 Michendorfer Rundschau | Gosciniak & Bettermann Ads & Publishing GbR | Impressum | Datenschutz

bottom of page