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„Dreh dich nicht um, da sitzt der Premierminister“ – Interview mit Scott Lipinski

Wilhelmshorst - Wenn in Berlin die Fashion Week beginnt, gehört Scott Lipinski zu den Menschen, die im Hintergrund die Fäden zusammenhalten. Der Geschäftsführer des Fashion Council Germany organisiert internationale Netzwerke, unterstützt junge Designer und vertritt die Interessen der deutschen Modebranche bis nach Brüssel.


Sein Zuhause liegt jedoch nicht in Berlin-Mitte, Paris oder Mailand, sondern in Wilhelmshorst. Im Gespräch mit der Michendorfer Rundschau spricht der gebürtige Schotte über seine Liebe zu Michendorf, die Bedeutung der Berlin Fashion Week, Begegnungen mit Seiner Majestät König Charles III. und die Frage, warum Kreativität und Handwerk auch in Zukunft unverzichtbar bleiben. 

 

Herr Lipinski, viele Menschen in Michendorf kennen Sie vermutlich nicht in Ihrer beruflichen Rolle. Wie würden Sie sich selbst vorstellen?

 

„Ich würde sagen: Ich arbeite für einen Verein in Berlin. Wenn ich hier draußen bin, genieße ich es, dass es andere Themen gibt als in meinem Berufsleben. Hier geht es um Gärten, Hecken oder den Rasenmäher. Deshalb halte ich das, was ich beruflich mache, meistens eher klein.“

 

Und wenn man genauer nachfragt: Was machen Sie beruflich?

 

„Ursprünglich komme ich aus der Unternehmensberatung und habe einige Jahre nach meinem Studium bei Accenture gearbeitet. Dann bin ich eher zufällig in die Modebranche geraten. Über Stationen bei der Marke Wunderkind von Wolfgang Joop, Michalsky und lala Berlin bin ich schließlich beim Fashion Council Germany gelandet. Heute bin ich dort Geschäftsführer. Im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe verantworten wir die Gesamtorganisation der Berlin Fashion Week, unterstützen junge Designerinnen und Designer, fördern die Internationalisierung deutscher Marken und vertreten die Interessen der Branche gegenüber Politik und Institutionen. Wir arbeiten dabei eng mit Partnern in Europa und weltweit zusammen, organisieren Netzwerkveranstaltungen und Bildungsprogramme und versuchen, die deutsche Modebranche insgesamt zu stärken.“ 

 

Sie bewegen sich beruflich zwischen Berlin, London, Tokio oder Seoul. Was führt Sie nach Michendorf?

 

„Ich habe Michendorf über Freunde kennengelernt. Daraus entstand über die Jahre ein neuer großer Freundeskreis. Irgendwann hatten wir hier draußen fast mehr soziale Kontakte als in Berlin. 2018 habe ich zu meinem Mann gesagt: Wir müssen aus Berlin raus. Wir haben damals in Berlin-Mitte gewohnt. Dann ergab sich die Möglichkeit, hierherzuziehen – und das war rückblickend eine der besten Entscheidungen unseres Lebens.“

 

Was schätzen Sie an Michendorf besonders?

 

„Die Menschen. Ich empfinde die Umgebung als sehr offen und herzlich. Gleichzeitig hat man hier alles, was man braucht: gute Anbindung, Einkaufsmöglichkeiten, die Nähe zu Potsdam und eine wunderbare Natur. Früher bin ich – bzw. eher mein Hund - morgens am Seddiner See schwimmen gegangen und anschließend ins Büro gefahren. Das sind Dinge, die ich sehr schätze. Und Potsdam liebe ich ohnehin. Für mich gehört Potsdam zu den schönsten Städten Deutschlands.“

 

Ist Michendorf für Sie auch ein Ort zum Herunterkommen?

 

„Absolut. Wenn ich zwischen Langerwisch und Wilhelmshorst diese Allee entlangfahre und die Pferde auf den Koppeln sehe, dann weiß ich: Jetzt lasse ich Berlin hinter mir. Ich habe hier ein Homeoffice und arbeite zwei Tage pro Woche von Wilhelmshorst aus. Es gibt sogar Funklöcher auf dem Weg, die ich inzwischen kenne. Manchmal sage ich Gesprächspartnern schon vorher: Gleich fliege ich aus der Leitung. Das finde ich irgendwie charmant.“

 

Ihr Mann, Axel Lipinski-Mießner (FDP), engagiert sich kommunalpolitisch. Ist Politik bei Ihnen ein Küchentischthema?

 

„Eigentlich nicht. Wir sprechen erstaunlich wenig über unsere Berufe. Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern ergibt sich einfach so. Ich finde es aber großartig, dass er sich engagiert. Man kann nicht immer nur darüber klagen, dass sich nichts verändert, ohne selbst Verantwortung zu übernehmen. Das verdient Respekt. Unsere Gespräche drehen sich allerdings meistens eher um den Garten, den Hund oder das Haus.“

 

Sie haben bereits an Veranstaltungen des britischen Königshauses teilgenommen. Wie kam es dazu?

 

„Über unsere Zusammenarbeit mit der Stiftung von Seiner Majestät., der King’s Foundation. Mein Mann und ich wurden im vergangenen Jahr zum Staatsbankett auf Schloss Windsor eingeladen. Dort saß ich neben Ihrer königlichen Hoheit Herzogin von Edinburgh und dem britischen Botschafter. Der Abend begann allerdings mit einer Verwechslung.“

 

Inwiefern?

 

„Wenn ich meine Haare entsprechend trage, sehe ich offenbar dem gerade zurückgetretenen, britischen Premierminister Keir Starmer ziemlich ähnlich. An diesem Abend wurde ich mehrfach als Premierminister angesprochen. Als ich später der Herzogin davon erzählte, fand sie das so lustig, dass sie mich anschließend tatsächlich Keir Starmer vorstellen ließ. Wir haben beide herzlich darüber gelacht.“   

 

Ist Ihnen das öfter passiert?

 

„Ja. Am Flughafen wurde mir schon hinterhergerufen, ob ich gerade das Land fliehen würde. Und einmal hörte ich in einem Restaurant in London am Nebentisch jemanden sagen: ‚Dreh dich nicht um, da sitzt der Premierminister.‘ Es gibt definitiv schlimmere Verwechslungen.“ 

 

Sie haben außerdem eine persönliche Verbindung zu König Charles?

 

„Der Hauptsitz seiner Stiftung befindet sich im Dumfries House in einem kleinen Dorf namens Cumnock in Südschottland – und das ist zufälligerweise mein Heimatdorf. Dort hatten wir mehrfach gemeinsame Termine und Abendessen. Beim zweiten Treffen erzählte er unserer Vorstandsvorsitzenden, Christiane Arp, wie außergewöhnlich er es finde, dass ich ausgerechnet aus diesem Ort komme. Das war natürlich ein besonderer Moment.“


Die Berlin Fashion Week steht vor der Tür. Was ist sie eigentlich?

 

„Viele Menschen denken bei einer Fashion Week an rote Teppiche, Prominente und viel Champagner. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Branchenveranstaltung. Designerinnen, Designer und Marken präsentieren ihre neuen Kollektionen einem Fachpublikum aus Einkäufern, Medien und internationalen Gästen. Eine Fashion Week ist letztlich nicht viel anders als große Fachmessen in anderen Branchen. Es geht um neue Ideen, neue Produkte, Geschäftsbeziehungen und neue Perspektiven.“

 

Warum ist die Berlin Fashion Week wichtig?

 

„Weil Berlin etwas Eigenes ist. In der Vergangenheit wurde oft gefragt, warum Berlin nicht Paris oder Mailand sei. Das ist aus meiner Sicht die falsche Frage. Berlin muss nicht Paris sein – Berlin muss Berlin sein. Die Stadt steht für Freiheit, Kreativität und kulturelle Vielfalt wie keine andere in Europa. Genau das macht sie für Kreative aus aller Welt interessant. Viele Chefdesigner großer internationaler Modehäuser lassen sich von Berlin inspirieren und besuchen die Stadt häufig, weil sie diese Atmosphäre schätzen.“

 

Was macht Berlin für Kreative so besonders?


„Hier treffen Kunst, Musik, Architektur, Clubkultur und Mode aufeinander. Viele internationale Designer holen sich ihre Inspiration in Berliner Museen, Galerien oder Kulturorten. David Bowie hat hier gelebt, die Pet Shop Boys ebenfalls. Berlin besitzt eine kreative Energie, die weit über Deutschland hinaus wahrgenommen wird.“

 

Wie hat sich die Modebranche in den vergangenen Jahren verändert?

 

„Corona hat die Branche massiv verändert. Besonders der Einzelhandel hat gelitten. Nach unseren Erhebungen sind in Deutschland rund 200.000 Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette verloren gegangen. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass junge Marken oft flexibler reagieren. Viele setzen heute auf eigene Communities, Social Media oder neue Vertriebsmodelle und machen sich unabhängiger vom klassischen Einzelhandel.“ 

 

Was passiert hinter den Kulissen einer Fashion Week?

 

„Eine Modenschau dauert oft nur zwölf Minuten. In diesen zwölf Minuten steckt allerdings meist ein halbes Jahr Arbeit. Die Designerinnen und Designer versuchen, über Kleidung, Musik, Licht, Models und den Veranstaltungsort eine Geschichte zu erzählen. Im Idealfall vermittelt eine Show neben der Kollektionspräsentation auch Emotionen. Jede Entscheidung hat dabei eine Bedeutung. Für das Publikum ist es eine Viertelstunde – für die Designerinnen und Designer oft das Ergebnis monatelanger Arbeit.“ 

 

Welche Rolle spielt der Fashion Council Germany dabei?

 

„Wir koordinieren den offiziellen Kalender der Berlin Fashion Week, laden Einkäufer und Journalisten ein und organisieren Förderprogramme für Designerinnen und Designer. Kurz gesagt: Wir sorgen gemeinsam mit der Senatsverwaltung dafür, dass die Berlin Fashion Week funktioniert.“

 

Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Modebranche?

 

„Ich wünsche mir, dass wir Erfolg neu definieren. Im Moment bedeutet Erfolg oft nur: mehr Umsatz, mehr Umsatz, mehr Umsatz. Ich glaube, das greift zu kurz. Außerdem wünsche ich mir, dass wir handwerkliche Berufe stärker wertschätzen. Schneider, Schnittmacher oder andere Spezialisten sind für die Branche unverzichtbar. Viele dieser Berufe kämpfen jedoch mit Nachwuchsmangel.“

 

Deshalb engagieren Sie sich auch in Bildungsprojekten?

 

„Ja. Wir gehen in Schulen und sprechen mit Jugendlichen über Konsum, Nachhaltigkeit und Produktionsbedingungen, aber eben auch über Jobperspektiven in der Branche. Außerdem schicken wir jedes Jahr Designerinnen und Designer nach Highgrove, einem Anwesen von Seiner Majestät. Dort lernen sie traditionelle Handwerkstechniken wie Korbflechten, Holzschnitzen oder Stuckarbeiten kennen und übertragen diese später in ihre kreative Arbeit als Modeschaffende. Solche Erfahrungen sind unglaublich wertvoll.“

 

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen aus Michendorf geben?

 

„Folgt eurem Herzen und eurem Instinkt. Ich habe immer versucht, das zu tun, was sich für mich richtig angefühlt hat. Und wenn es sich irgendwann nicht mehr richtig angefühlt hat, habe ich etwas verändert. Viele Menschen verbringen ihr Leben in Berufen, die ihnen eigentlich keine Freude machen. Das halte ich für gefährlich. Wer die Möglichkeit hat, sollte den Mut haben, seinen eigenen Weg zu gehen.“

 

Wenn wir dieses Interview in zehn Jahren noch einmal führen würden – worauf wären Sie gespannt?

 

„Auf den Einfluss künstlicher Intelligenz. Auf die Zukunft von Kreativität. Auf die Frage, wie wir künftig konsumieren und produzieren. Und natürlich darauf, welche der jungen Talente, die wir heute fördern, dann vielleicht die Modewelt prägen werden. Veränderung wird es auf jeden Fall geben. Die spannende Frage ist nur, wie sie aussieht.“

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