„Lernen statt Betreuung“ – Bildungsgipfel in Michendorf legt Schulkrise offen
- Gregory Gosciniak

- vor 1 Tag
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Michendorf – Als Christine Dotterweich an diesem Abend über die Grundschule Michendorf spricht, wird es im Saal plötzlich still. Keine politischen Schlagworte, keine abstrakten Statistiken – sondern Alltag. Ein Alltag, den viele Eltern im Gemeindezentrum „Zum Apfelbaum“ offenbar nur zu gut kennen.
„Müssen erst Stühle fliegen, damit etwas passiert?“, fragt sie ins Publikum.
Es ist einer dieser Sätze, die hängen bleiben.

Mehr als 100 Gäste waren am Donnerstagabend zur Podiumsdiskussion „Zukunft mit ohne Bildung?!“ gekommen, organisiert von der Elterninitiative „Bildungskrise Potsdam-Mittelmark“. Die MIR war als einziges Medium vor Ort.
Schon zu Beginn machte das Organisationsteam deutlich, worum es an diesem Abend gehen sollte. „Wir freuen uns über jeden, der hier ist“, erklärte eine Initiatorin gegenüber der MIR zur Begrüßung. Sichtbarkeit schaffen, Druck erzeugen, Lehrkräften zeigen, dass Eltern hinter ihnen stehen – darum ging es den Initiatoren. Und schnell wurde klar: Hier sollte kein routinierter Polit-Abend stattfinden. Die Stimmung war konzentriert, stellenweise emotional, oft spürbar frustriert.
„Offene Türen, Filmprogramm, Aufteilung“
Im Mittelpunkt stand die Situation an der Grundschule Michendorf. Eine Schule, die nach Darstellung der Initiative eigentlich „eine ganz normale Schule“ sei – gerade deshalb aber beispielhaft für ein Problem stehe, das längst weit über sogenannte Brennpunktschulen hinausreiche.
Dotterweich schilderte eindringlich, wie Unterrichtsausfall inzwischen kaschiert werde. Auf dem Papier sehe vieles besser aus, als es tatsächlich sei. In der Realität bedeute Vertretung häufig etwas ganz anderes als regulären Unterricht.
„Vertretung ist offene Tür, Aufteilung in andere Klassen oder Filmprogramm“, erklärte sie.
Auf mehreren Stellwänden sammelten Eltern, Lehrer und Besucher ihre Gedanken. Zwischen bunten Moderationskarten standen Sätze wie „Zu wenig Lehrer, zu viel Ausfall“, „Selbststudium ohne Aufgaben“ oder „Vertretung ist kein regulärer Unterricht“. Andere Karten formulierten Wünsche: kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams, mehr Unterstützung für Kinder mit Förderbedarf oder schlicht wieder „Lernen statt Betreuung“.
Besonders drastisch wurde die Lage anhand konkreter Zahlen: Im ersten Halbjahr 2025/26 habe es an der Grundschule Michendorf rund 18 Prozent Vertretungsbedarf gegeben. Gleichzeitig hätten nach Angaben der Initiative nur etwa drei Prozent tatsächlich regulär abgedeckt werden können.
Was das praktisch bedeutet, erklärte Dotterweich bereits im Vorfeld der Veranstaltung deutlich: offene Türen zwischen Klassenräumen, zusammengelegte Lerngruppen, Unterricht mit fast 40 Kindern gleichzeitig oder stundenweise reine Beaufsichtigung statt Lehre.
Viel Applaus für den GEW-Chef
Besonders viel Zustimmung bekam an diesem Abend Günther Fuchs, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Immer wieder brandete Applaus auf, während Fuchs sprach.
„Diese Probleme sind nicht vom Himmel gefallen“, sagte er.
Die aktuelle Krise sei Ergebnis jahrelanger struktureller Fehlentwicklungen. Fuchs zeichnete ein düsteres Bild der kommenden Jahre: Rund 1.000 Lehrkräfte würden jährlich aus dem Beruf ausscheiden, gleichzeitig kämen nur etwa 400 neue Lehrer nach Brandenburg. Zudem würden die Schülerzahlen mindestens bis 2027 weiter steigen.
„Es läuft etwas grundlegend schief“, sagte Fuchs.
Besonders kritisch sah er sogenannte Entlastungsmaßnahmen wie zusätzliche E-Mail-Adressen für Lehrkräfte oder den Wegfall persönlicher Elterngespräche. Das löse keine strukturellen Probleme.
Stattdessen brauche es endlich Prioritäten in der Bildungspolitik. Schulen müssten multiprofessionelle Teams bekommen – zusätzliche Kräfte für Verwaltung, soziale Arbeit oder technische Unterstützung. Wichtig sei dabei aber: Diese dürften keine fehlenden Lehrkräfte ersetzen.
Fuchs sprach auch über Prävention. Probleme müssten angegangen werden, bevor sie eskalieren. Genau daran knüpfte später erneut Christine Dotterweich an – mit jenem Satz über fliegende Stühle und steigende Gewaltbereitschaft, der im Publikum sichtbar Wirkung zeigte.
Politik zwischen Rechtfertigung und Realismus
Auf dem Podium wurde deutlich, wie schwierig die politische Lage inzwischen geworden ist.
Die SPD-Landtagsabgeordnete Melanie Balzer räumte offen ein, im Landtag für Kürzungen bei Lehrkräftestellen gestimmt zu haben. „Ja, ich habe im Landtag für die Kürzungen der Lehrkräftestellen gestimmt, aber es war eine harte Entscheidung, die mir gar nicht leicht fiel“, sagte sie.
Gleichzeitig betonte sie ihre persönliche Perspektive. „Ich stehe nicht nur als Landtagsabgeordnete, sondern auch als Mutter von vier Kindern hier.“
Balzer warb dafür, Probleme sichtbar zu machen und den direkten Austausch zu suchen. Veranstaltungen wie diese seien wichtig, „damit wir uns austauschen und nicht nur im eigenen Saft schmoren“.

Kristy Augustin, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, versuchte dagegen vor allem, Erwartungen zu bremsen. „Das Bildungssystem ändert sich nicht sofort. Was wir jetzt tun, kann nur mittelfristig wirken“, sagte sie.
Gleichzeitig warnte sie davor, Lehrkräfte zusätzlich zu belasten. „Es darf keine Spardebatten gegen die Lehrkräfte geben.“
Einen Satz formulierte sie besonders zugespitzt: „Wenn Demonstrationen mit tausenden Schülern vorm Landtag stattfinden, werde ich kein Lehrer.“
15 Meter Frust
Der emotionalste Moment des Abends kam erst ganz am Ende.
Zum Abschluss überreichte die Initiative eine fast 15 Meter lange Perlenkette an Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU), vertreten durch Kristy Augustin. Die Kette war mehr als nur Symbolik.
Jede einzelne Perle stand für eine Unterrichtsstunde an der Grundschule Michendorf im ersten Halbjahr. Lila Perlen symbolisierten Unterrichtsausfall, bunte Perlen Vertretungsstunden.
126 Stunden Ausfall und 1.527 Stunden Vertretung hatten Eltern und Initiative dafür verarbeitet.
Die Kette zog sich quer durch den Raum – und machte plötzlich sichtbar, worüber vorher fast zwei Stunden diskutiert worden war.
Nicht wenige Besucher fotografierten sie. Andere standen einfach schweigend davor.
Diskussionen bis weit nach Veranstaltungsende
Eigentlich war die Podiumsdiskussion auf 90 Minuten angesetzt. Doch als der offizielle Teil längst vorbei war, blieben viele Gäste noch im Saal.
Eltern diskutierten mit Politikern, Lehrer mit Gewerkschaftsvertretern, Schüler mit Organisatoren. Fast eine weitere Stunde lang wurde gesprochen, erklärt, gestritten und diskutiert.
Für die Initiative war genau das ein Erfolg.
Denn eine konkrete Lösung gab es an diesem Abend zwar nicht. Aber vielleicht etwas anderes: das Gefühl, mit den Problemen nicht mehr allein zu sein.
Oder wie es eine der Organisatorinnen formulierte:
„Noch gibt es keine konkrete Lösung – aber wir bleiben dran. Nur gemeinsam kann es gelingen.“




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