„Michendorf braucht eine Kneipe“ - Gespräch mit Wild-Rover-Betreiber, Marcus Bland
- Gregory Gosciniak
- vor 2 Stunden
- 8 Min. Lesezeit
Michendorf - Guinness vom Fass, Schach am Donnerstag und manchmal schnappt sich einer die Gitarre von der Wand und der plötzlich singt der ganze Raum mit: Marcus Bland möchte mit dem Wild Rover mehr schaffen als eine weitere Gaststätte. Der aus Dublin stammende Wirt mit dem charmanten Akzent will den Pub in der Schmerberger Straße zu einem zweiten Wohnzimmer für Michendorf machen. Im Interview spricht er über seinen Weg von Berlin aufs Land, die ersten Monate hinter dem Tresen und die Frage, ob eine klassische Kneipe in Michendorf bestehen kann.

Marcus, warum braucht Michendorf aus Ihrer Sicht einen Pub?
„Wir sind der Meinung, Michendorf braucht eine Kneipe. Und nicht nur 100 Restaurants, Dönerläden und hast du nicht gesehen. Es gibt genug Leute, die sagen: Wir wollen nur ein Bier trinken. Wir haben zu Hause gegessen. Bei den Restaurants ist das Hauptgeschäft das Essen. Und bei uns ist das Hauptgeschäft Alkohol, Bier.“
Was macht das Wild Rover zu einem echten Irish Pub?
„Was uns außergewöhnlich macht, ist, dass es ein echter Irish Pub ist. Du musst wirklich nach Potsdam oder Berlin, wenn du ein gutes Guinness trinken willst. So weit fahren – und jetzt hast du hier in Michendorf einen eigenen Irish Pub. Das ist für viele Leute, glaube ich, Wahnsinn.
Leute gehen in einen Laden, die wollen eine echte Kultur kennenlernen. In Berlin war das genauso. Da sind Leute reingekommen, die haben zu mir gesagt: Wärst du nicht aus Irland, würden wir wieder gehen. Ein Irish Pub mit einem Iren – oder einer irischen Frau, das ist egal.“
Ein Pint und mehr
Das irische Aushängeschild gibt es im Wild Rover direkt vom Fass: Ein halber Liter Guinness kostet hier 5,50 Euro, 0,3 Liter werden für 3,80 Euro ausgeschenkt. Der ebenfalls beliebte Klassiker Kilkenny kostet ebenso viel. Neben irischen Whiskeys wie Bushmills, Jameson oder Tullamore Dew führt der Pub außerdem eine umfangreiche Auswahl schottischer Whiskeys. Auch ein alkoholfreies Guinness, Softdrinks und Säfte stehen auf der Karte.
Wie sind Sie nach Deutschland gekommen und zum Pub-Wirt geworden?
„Ich bin 1985 nach Deutschland gekommen. Zehn Jahre war ich bei der US Army in Berlin. Als die Amis weg waren, bin ich auf den Bau gegangen. Ich bin gelernter Koch von Beruf. Dann hatte ich beschlossen, meinen ersten Irish Pub aufzumachen.
In Schöneberg in Berlin hatte ich meine erste Kneipe. Über die Jahre hatte ich insgesamt sieben Stück. Ich war auch in Krummensee bei Königs Wusterhausen. Das war meine Leidenschaft.“
Warum führte Sie Ihr Weg schließlich nach Michendorf?
„Aus gesundheitlichen Gründen habe ich dann aufgehört, bin Rentner geworden und wollte aus Berlin raus. Ich wollte auf dem Land leben, frische Luft. Der Besitzer hatte die Wohnung über der Kneipe frei. So sind wir ins Gespräch gekommen, und er meinte: Mach doch die Kneipe auf.
So ist es dazu gekommen, dass ich die Wohnung genommen habe und die Kneipe. Letzten Oktober habe ich hier aufgemacht. Seitdem versuchen wir, den Laden aufzubauen. Es ist zwar nicht leicht – es ist nie leicht, die ersten paar Jahre in der Gastronomie.“
Was gefällt Ihnen am Leben außerhalb Berlins?
„Die Luft ist hier viel schöner. Ich hatte die Staus in Berlin satt. Manchmal habe ich von Steglitz nach Friedrichshain eineinhalb Stunden gebraucht. Normalerweise brauchte ich 25 oder 30 Minuten. Dadurch habe ich gesagt: Ich muss hier raus.
Ich gehe jeden Tag mit meinem Hund an den See oder in den Forst. Einem Hund kann es nicht besser gehen. Auch das ist ein Grund, warum ich hier draußen leben möchte. Ich mag die Michendorfer. Und ich glaube, die mögen mich. Das ist das, was zählt.“
Sie nennen sich selbst einen „irischen Ossi“. Was meinen Sie damit?
„Ich dachte, ich bin der einzige Ire hier, und ich sage immer aus Spaß: Ich bin der erste irische Ossi. Aber tatsächlich wohnte vor mir eine irische Frau hier. Kira, eine sehr nette Frau.
Das bedeutet, ich habe mich hier im Osten integriert und freue mich darauf. Also bin ich ein irischer Ossi.“

Welche Haltung gehört für Sie zu einem richtigen Pub?
„Irish Pubs funktionieren, weil es immer ein neutraler Ort war. Mein Motto ist: Du bist lieb zu mir, ich bin lieb zu dir. Ich frage nicht, in welchem Verein du bist oder was du sagst. Lass das alles zu Hause, wenn du herkommst. Freundlich miteinander umgehen, das ist die Hauptsache.
Mein Vater hat mir das beigebracht. Er hat gesagt: Ich glaube, alle Leute sind gut, bis sie mir beweisen, dass sie schlecht sind. Du kannst jemanden mit einer starken Meinung haben, über das, was in Deutschland oder der Welt im Moment los ist. Aber du kannst niemanden zu deinem Glauben zwingen. Lass es zu Hause. Komm, genieß dein Bier, hab deinen Spaß, spiele Karten oder irgendwas. Der Irish Pub ist völlig neutral.“
Was unterscheidet einen Pub in Michendorf von einem Lokal in Berlin?
„In Berlin hast du Tourismus. Mein letzter Laden war in Friedrichshain, mit Hotels und Hostels. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, ob die Leute in Urlaub sind oder nicht. Du hattest immer genug andere Leute da.
Hier auf dem Land ist das komplett anders. Da musst du dich irgendwie anpassen. Die Leute kommen eher um 19 oder 20 Uhr und sind um 22 Uhr zu Hause. Gerade in der Woche ist ab 22 Uhr meistens überhaupt nichts mehr los. Es sind eine Menge Frühaufsteher hier, die arbeiten müssen.“
Wer findet inzwischen den Weg in das Wild Rover?
„Es kommen immer mehr neue Leute. Es wohnen in den Außenbezirken auch andere irische, schottische und englische Personen, die gerade herausgefunden haben: Hey, in Michendorf gibt es einen Irish Pub. Dann kommen die hierher und freuen sich, Englisch zu sprechen.
Die meisten jungen Leute, die hierherkommen, sprechen alle Englisch. Die älteren Leute weniger. Aber die fühlen sich wohl hier und verstehen mein ausgeprägt schlechtes Deutsch. Dann sagen die: Okay, alles wunderbar.“
Was können die Gäste außer Essen und Trinken erleben?
„Wir haben eine WhatsApp-Gruppe gestartet. Da können die Leute posten und fragen: Ist was los bei euch? Wenn du die Location für eine Party buchen möchtest, kannst du mich kontaktieren.
Wir planen ein Musikquiz und ein allgemeines Quiz. Schach läuft jetzt seit ein paar Wochen und wird immer besser. Es kommen immer mehr Leute – Leute, die lernen wollen, und Leute, die spielen können. Dann sagen die: Spiel einfach gegen mich, und ich kann dir ein paar Sachen beibringen. Das kommt im Moment sehr gut an.“
Schach, Feiern und aktuelle Informationen
Der offene Schachabend beginnt nach Angaben des Pubs jeden Donnerstag um 19 Uhr und richtet sich ausdrücklich an Anfänger und erfahrene Spieler. Auch Geburtstage, Hochzeiten und andere private Veranstaltungen können mit Marcus Bland besprochen werden. Informationen verbreitet der Pub über seine Internetseite, Aushänge und eine eigene WhatsApp-Gruppe.
Soll das Wild Rover zu einem Treffpunkt für den Ort werden?
„Von Geburtstagsfeiern und Hochzeitsfeiern her ist der Ort genial. Wir hoffen natürlich, dass über die Zeit immer mehr Leute kommen und es als zweites Wohnzimmer sehen. Dass die kommen und bei uns ein eisgekühltes Bier genießen.
Wir haben Kleinigkeiten zu essen: Wiener, Bouletten und Bockwurst. Aber wenn die wirklich etwas Gutes essen wollen, können die zu unserem Vietnamesen gehen und dann zu mir kommen. Das ist wunderbar.“
Kleine Küche für den Kneipenabend
Das Wild Rover versteht sich nicht als klassisches Speiserestaurant, bietet aber mehrere warme Kleinigkeiten an. Eine Boulette mit Toast oder zwei Wiener Würstchen mit Toast gibt es beispielsweise für jeweils 4,50 Euro. Mit Kartoffelsalat und Toast werden 6,50 Euro berechnet. Auch ein Toast-Sandwiches, Nachos mit Käse oder mit Chili con Carne stehen auf der Karte.

Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
„Wir hatten hier eine Frau, die in Dublin bei Lidl in der Hauptzentrale gearbeitet hat. Dann ist noch eine Frau reingekommen. Als sie gesprochen hat, hat die andere sich umgedreht und gesagt: Die Stimme kenne ich.
Dann sind sie ins Gespräch gekommen. Es hat sich herausgestellt, sie hatten oft miteinander telefonisch zu tun, aber nie haben die sich getroffen. Und dann treffen sie sich hier in Michendorf. Was für ein Zufall ist das denn?
Solche Momente finde ich schön. Manchmal nimmt jemand die Gitarre raus und fängt ein paar Lieder an. Wir singen alle mit. Das sind die schönen Momente. Musik bringt Leute zusammen. Das liebe ich.“
Zum Pub gehört auch Ihre Hündin Molly. Wie kam sie zu ihrem Namen?
„Molly ist ein Kneipenhund. Mein letzter Laden hieß Molly Malone’s, deswegen heißt sie Molly. Sie ist mit Menschen aufgewachsen und liebt Menschen. Jeder, der hierherkommt, spielt gerne mit ihr, oder die Kinder kommen und spielen mit ihr.“
Bei einem Fußballabend gab es Probleme mit der Nachbarschaft. Was ist passiert?
„Das war leider der Schwerpunkt für die Hauptbeschwerde gegen mich. Das Spiel fing, glaube ich, um 11 Uhr abends an. Wir hatten hier Public Viewing. Viele junge Leute haben viel getrunken und waren sehr laut.
Ich musste manche bitten, nach Hause zu gehen. Dann waren die auf der Straße laut. Es waren bestimmt auch 90 Leute hier. Wir hatten natürlich mit dem Ordnungsamt zu tun. Ein Abend war den Nachbarn zu viel, und am nächsten Tag waren die dann da.“
Wie möchten Sie künftig mit der Situation umgehen?
„Wir müssen uns mit unseren Nachbarn einigen. Ich möchte hier Frieden haben. Wenn die Leute nach Hause gehen, ist es wichtig, dass die nicht auf der Straße herumbrüllen. Dass die sich verabschieden und ruhig nach Hause gehen.
Es ist ein Geben und Nehmen und Verständnis haben für die Leute, die hier leben. Manchmal werden die jungen Leute sehr laut. Dann versuche ich, mit denen zu reden: Jungs, hier wohnen auch Leute. Man muss hier nicht herumbrüllen.“
Was bedeutet das für Musik und Veranstaltungen?
„Wir hatten einmal Karaoke. Ich musste das stoppen. Es war an dem Tag so laut. Die Leute fragen mich immer wieder: Kannst du nicht Karaoke machen? Kann ich nicht. Wenn wir ein separates Haus hätten, würde das gehen.
Wir machen nur verschiedene Live-Musik, nur bis 22 Uhr. Es kann Blues sein, Rock ’n’ Roll, irische Musik, Jazz oder das, was die drei Mädels mit Pop machen. Dass wir eine schöne Mischung haben und alle Leute auf ihre Kosten kommen.“
Öffnungszeiten mit Vorbehalt
Auf seiner Internetseite nennt das Wild Rover derzeit Öffnungszeiten von Dienstag bis Donnerstag jeweils von 17 bis 24 Uhr sowie freitags und samstags von 17 bis 1 Uhr. Sonntag und Montag sind als Ruhetage angegeben. Im Gespräch erklärte Bland allerdings, dass dienstags zuletzt vorübergehend nicht geöffnet worden sei, weil kaum Gäste kamen. Vor einem Besuch empfiehlt sich daher ein Blick auf die aktuellen Hinweise des Pubs oder eine kurze Nachfrage unter 0176 22080222.
Wie schwierig war der erste Sommer für das Wild Rover?
„Der Sommer war nicht gut. Viele Leute sind weg. Man kämpft hier ums Überleben. Aber ich habe hier eine Menge nette Leute kennengelernt. Und ich meine wirklich nette Leute.
Hoffentlich kommen Ende August, wenn die Ferienzeit vorbei ist, die Leute wieder. Einer der letzten Freitage war der beste Freitag seit zwei Monaten. Es kommen immer mehr neue Leute.
Wir sind noch nicht ein Jahr hier. Wenn wir ein Jahr haben, können wir einen Durchschnitt machen. Aber bis dahin: Der Sommer war nicht gut. Es kann nur besser werden.“
Was ist Ihr Ziel für die Zukunft?
„Solange ich hier überleben kann und alle Rechnungen zahlen kann, mehr brauche ich nicht. Ich bin nicht jemand, der unbedingt Millionen auf dem Konto haben muss. Mir reicht es, wenn ich einfach leben kann.
Ich würde gerne ein paar Änderungen machen, damit die Leute sich noch wohler fühlen. Aber du bist durch den Platz limitiert. Das Hauptziel ist einfach, hier glücklich zu sein und keinen Ärger zu haben.
Wenn es von mir ausgeht, bleibe ich hier auch. Ich muss nicht weg.“

