„Nicht jedem wird gefallen, was ich sage“ - Ein Gespräch mit Bernd A. Steinauer
- Gregory Gosciniak

- vor 4 Stunden
- 11 Min. Lesezeit
Wildenbruch - Bernd Steinauer hat Unternehmen beraten, eigene Firmen gegründet, Geschäfte entwickelt, an einer Hochschule gelehrt und mitten in der Corona-Pandemie Reisebüros übernommen. Heute lebt er in Wildenbruch, engagiert sich im Unternehmernetzwerk FUN sowie politisch und spielt seit mehr als drei Jahrzehnten Golf. Im Gespräch mit der Michendorfer Rundschau erzählt er, warum ein Ruhestand für ihn kein Lebensmodell ist, weshalb der Kunde keine mathematische Größe sein darf und was ihn zum gesellschaftlichen Engagement bewegt.
Vom Wannsee nach Wildenbruch
Herr Steinauer, Sie sind seit vielen Jahren Unternehmer, gesellschaftlich engagiert und heute in Wildenbruch zu Hause. Wie sind Sie hierhergekommen?
„Das hat sich ergeben. Ich habe 17 Jahre Kleinen Wannsee gewohnt. Das Mietverhältnis löste sich auf, nachdem der Vermieter verstorben war. Wir suchten eine Wohnung als Übergang, da wir nicht wussten, ob wir zur Betreuung meiner Schwiegereltern zeitnah in den Süden weiterziehen müssten.
Aber wie das Leben so spielt, halten solche Provisorien besonders lange. Heute wollen wir nicht mehr weg. Wildenbruch bot sich auch deshalb an, weil ich bereits seit 2011 hier Mitglied im Golfclub war. Dann haben wir diese Wohnung gefunden. Sie ist einen Tick zu klein, aber das ist wie auf einem U-Boot: Man muss einfach ein bisschen mehr Ordnung halten.“ Schade nur, dass wir viele Objekte unserer Kunstsammlung auslagern mussten.
Berater, Unternehmer und Hochschullehrer
Sie hatten in Ihrem Leben mehr als ein Unternehmen und mehr als einen Beruf. War das eine geplante Entwicklung?
„Nein, überhaupt nicht. Nach meiner Managementkarriere, in der die Sessel und die Autos immer größer wurden, hatte ich 1990 das Glück, mich in Frankfurt am Main als Unternehmensberater selbstständig machen zu können. Überraschenderweise hatte ich viele interessante Kunden und spannende Aufgaben.
Um das Jahr 2000 bin ich der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Ich bin auch heute noch Berater. Heute bin ich vor allem Berater in meinem eigenen Unternehmen und als Business Angel pro bono aktiv.

Da ich nicht als Politikberater tätig werden wollte, habe ich eigene Firmen gegründet. Bereits in Frankfurt hatte ich erste Unternehmen aufgebaut. Gemeinsam mit einem großen Verpackungsherstellern gründete ich beispielsweise ein Unternehmen für Softdrinks. und entwickelte eine Marke. Mit der Getränkemarke waren unter anderem Sponsor der deutschen Beachvolleyballtour. Es war sehr unterhaltsam, in eine besondere Freizeitwelt einzutauchen
Später haben wir eine Einzelhandelskette aufgebaut und dabei sämtliche Höhen und Tiefen des Berliner Einzelhandels erlebt. In Berlin habe ich den allerersten Tamaris-Store im EASTGATE in Marzahn entwickelt. Während der Einrichtungsphase fragte eine ältere Dame, ob hier eine Parfümerie oder Drogerie entstehe. Ich sagte: ‚Ja, aber wir werden Schuhe verkaufen. Es ging mir darum, eine neue, ganz andere Atmosphäre für die Marke TAMARIS und trotzdem funktional optimale Abläufe zu schaffen.
Für mich gehört beispielsweise eine Kasse immer an den Ausgang. Viele Geschäfte stellen sie nach hinten, weil die Mitarbeiter dann schneller ins Lager kommen. Ich bin auch gegen eine Zwangsführung der Kunden. Man muss dem Kunden ein Angebot machen, das seinem Naturell entspricht und ihn durch den Laden führt. Ich habe in meinem Leben bestimmt 80 Läden designed – große Lebensmittelgeschäfte, Markenläden und andere Einzelhandelsformate. Die intellektuelle und kreative Auseinandersetzung mit Lebenswelten und dem Konsumverhalten der Menschen fasziniert mich.
Sie haben viele Jahre an einer Hochschule gelehrt. Was hat Sie daran gereizt?
„Ich habe zwölf Jahre an der Hochschule der Medien in Stuttgart in dem Masterstudiengang Packaging, Design und Marketing gelehrt. Dort informierte ich über die Grundlagen des Marketings und vertikales Marketing, also Vertriebsmarketing, verbunden mit werblicher Kommunikation und Marktforschung.
Wenn man älter wird, ist die Arbeit mit jungen Menschen eine große Chance. Die sehr selektive Gruppe von Studierenden war zu jeder Zeit eine intellektuelle Herausforderung. Ich konnte nicht einfach das verbreiten, was ich irgendwann einmal gelernt hatte. Ich musste mein Wissen laufend auffrischen und offen für andere, neuartige Designsprachen und Gedankengänge sein. Das ist für mich eine eine wichtige und prägende Lebensstrecke gewesen. Eine meinem ersten Studierenden, die als Masterthesis eines meiner Ladenkonzepte grafisch begleitete, ist heute Professorin und hat die Markengestaltung des Michendorfer Reisebüros übernommen.
Mitten in der Pandemie zum Reisebüro
Wie sind Sie unternehmerisch in Michendorf und in der Reisebranche gelandet?
Im Rahmen eines Beratungsauftrags akquirierte ich 2018 ein Reisebüro in Berlin, organisierte den Verkauf an den Auftraggeber und betrieb das Reisebüro für den Unternehmer als Franchisebetrieb. Danach kamen zeitnah zwei weitere Franchisereisebüros für uns hinzu. Ich hatte damals touristisch noch wenig Erfahrung und gelernt das Tourismus ein attraktives, aber sehr komplexes Geschäftsfeld ist.
Später verkaufte der Unternehmer sein Unternehmen. Wir wurden als Franchisenehmer mitverkauft. Die Leistungen des neuen Franchisegebers waren absolut unzureichend. Wir kündigten alle Verträge fristlos
Das war im Nachhinein ein Glück, denn die Trennung im Oktober 2019, erfolgte direkt vor der Pandemie. Ich hatte inzwischen etwas Erfahrung gesammelt und sagte mir: Zuhause rumsitzen ist nicht mein Ding. Also schaute ich, ob ich nicht selbst ein Reisebüro kaufen und betreiben kann.
Ich sprach mit vielen Reisebürounternehmern. Viele wollten aus der Branche aussteigen. Während der Pandemie fiel mir schließlich das Michendorfer Reisebüro vor die Füße. Die Gespräche liefen im November und Dezember. Die Verkäuferin hätte am liebsten bereits zum 1. Januar 2021 verkauft. Das war mir zu früh. Dann sagte ich allerdings etwas voreilig für den 1. April zu. Auch das war noch zu früh, denn die Pandemie dauerte länger, als ich erwartet hatte.
Anschließend haben wir das System als kleine Marke unter dem Namen BAS BESSER REISEN aufgebaut. Parallel ergab sich die Möglichkeit, auch das Reisebüro in Görlitz zu übernehmen. Dort fragten die Mitarbeiterinnen, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, den Standort weiterzuführen. Also haben wir auch das gemacht.“
War die Übernahme mitten in der Pandemie ein unternehmerisches Wagnis oder gut überlegtes Kalkül?
„Ja am Anfang und am Ende einer Unternehmensperiode steht immer eine Zahl. Wer mich kennt, weiß: Gut überlegtes Kalkül ist zwar Voraussetzung für den unternehmerisches Tun aber nicht unbedingt mein Thema. Es geht mir nicht darum, etwas perfekt durchzukalkulieren, um möglichst viel Geld zu verdienen. Mich reizt die Chance, Dinge neu zu entwickeln und anders zu denken. Gerade Märkte, die sich in einem Umbruch befinden, sind besonders spannend.
Reisen sind ein hochemotionales Gut. Dahinter stehen anspruchsvolle Strukturen. Das gilt auch für die IT, für die Verbindung zu den Veranstaltern und für die Verantwortung gegenüber den Menschen, die bei uns buchen und auf Reisen gehen.
Unsere Verantwortung endet nicht in dem Moment, in dem jemand abgereist ist und wir eine Provision erhalten haben. Wir fühlen uns weiterhin verantwortlich. Ich habe das große Glück, inzwischen drei ganz tolle Frauen im Unternehmen zu haben. Und für mich nicht überraschend entwickelt sich gerade das Reisebüro in Michendorf völlig gegen den allgemeinen Trend.“
„Der Kunde ist kein mathematisches Modell“
Viele Menschen buchen heute direkt über Plattformen oder stellen sich Reisen mithilfe künstlicher Intelligenz zusammen. Welche Zukunft hat ein klassisches Reisebüro?
„Es wird davon ausgegangen, dass ungefähr die Hälfte aller Reisen direkt über Plattformen, im Internet oder direkt bei Veranstaltern gebucht wird. Eine solche Plattform ist beispielsweise Check24, teilweise verbunden mit Cashback-Systemen.
Die gesamte Branche ist darüber hoch alarmiert. Für mich und meine Mitarbeiterinnen ist das kein grundsätzliches Problem. Ich glaube daran, dass ein Mensch gerade bei komplexen und persönlich wichtigen Dingen hilfreich sein kann.
Ein klassisches Beispiel: Ein Flug sollte morgens um sieben Uhr von Leipzig nach Kreta starten. Die Kunden fuhren rechtzeitig los, gerieten auf der Autobahn aber in einen Stau, in dem sich nichts mehr bewegte. Um zehn Uhr öffnete ich das Reisebüro, da standen die Kunden bereits vor der Tür.
Wir fanden noch am selben Abend einen Flug nach einem anderen Flughafen nauf Kreta. Anschließend organisierten wir den Transfer zum Hotel. In diesem besonderen Fall belasteten wir sogar unsere eigene Kreditkarte, damit alles schnell geregelt werden konnte. Die Kunden verloren dadurch nur einen Urlaubstag.
Wenn man eine Reise über eine Plattform gebucht hat und versucht, ein solches Problem mit einem Callcenter zu lösen, weiß ich nicht, ob das genauso funktioniert. Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen.“
Ist die persönliche Beratung für den Kunden teurer?
„Nein. Die Reise kostet für den Kunden bei uns grundsätzlich nicht mehr. Die Preise sind gleich, die Konditionen ähnlich.
Viele Dinge werden im Internet sehr einfach dargestellt, obwohl sie nicht einfach sind. Wenn jemand ein verlängertes Wochenende auf Mallorca buchen möchte, wäre ich früher vermutlich auch nicht unbedingt in ein Reisebüro gegangen. Das kann man selbst organisieren.
Wenn ich aber nach Südamerika fliege und in Paris am Flughafen Charles de Gaulle nur anderthalb Stunden Umsteigezeit habe, würde ich dringend abraten. Es kann funktionieren, muss aber nicht. Solche Erfahrungswerte sammelt man häufig erst durch eigene Fehler. Es ist besser, wenn man einen Menschen hat, dem man vertraut.
Unsere Mitarbeiterinnen wissen, wann ihre Kunden aus dem Urlaub zurückfliegen. Sie haben die Reisen im Kopf. Auch ich spreche beispielsweise bei Versicherungen lieber mit einem Menschen, wenn ich eine Frage habe.“
Wer sind die Kunden des Reisebüros in Michendorf?
„Ein Schwerpunkt liegt sicherlich in Michendorf. Aber unsere Kunden kommen immer öfter auch aus der weiteren Umgebung. Eine unserer Mitarbeiterinnen hatte viele Jahre außerhalb gearbeitet und dort ein kleines Reisebüro betreut. Ein Teil ihrer früheren Kunden kommt weiterhin zu ihr, weil eine enge persönliche Bindung besteht.
Solche Bindungen gibt es bei uns zwischen den Kunden und den einzelnen Mitarbeiterinnen. Das gehört zu unserer Philosophie. Ich sage meinen Mitarbeiterinnen: ‚Es ist dein Kunde.‘ Wirtschaftlich betrachtet ist es ein Kunde des Reisebüros. Aber die Mitarbeiterin trägt persönlich Verantwortung für ihn.“
Wie organisieren Sie die Arbeit im Reisebüro?
„Unsere Mitarbeiterinnen haben ein Firmenhandy und einen Laptop. Sie arbeiten teilweise im Homeoffice, weil sie dort Reisen in Ruhe ausarbeiten können. Im Büro haben wir drei Arbeitsplätze. Es müssen aber nicht ständig drei Menschen dort sitzen, wenn nur ein Kunde oder zeitweise gar kein Kunde kommt.
Das Büro muss geöffnet sein und es muss einen Ansprechpartner geben. Die Mitarbeiterinnen organisieren untereinander, wer wann vor Ort ist.“
Arbeiten die Mitarbeiterinnen auf Provisionsbasis?
„Nein. Ich würde sagen: Das wäre zu spätkapitalistisch. Eine persönliche Provision könnte einen Wettbewerb zwischen den Mitarbeiterinnen erzeugen. Mir ist der Gemeinschaftsgedanke viel wichtiger.
Wenn eine Mitarbeiterin im Urlaub ist, muss eine andere gerne einspringen und helfen. Der Kunde ist zu wichtig, um ihn wie einen Chip in einer Lotterie zu behandeln.“
Verantwortung für Unternehmen und Gemeinde
Wie soll sich Ihr Unternehmen in den kommenden Jahren entwickeln?
„Die Form des Umgangs miteinander wird sich sicherlich weiterentwickeln. Das ist normal im Leben. Aber der Grundgedanke bleibt: Der Kunde ist ein Mensch. Der Kunde ist wichtig. Der Kunde ist kein mathematisches Modell.
Am Ende steht eine Zahl. Aber der Kunde selbst ist nicht diese Zahl. Das halte ich für extrem wichtig.“
Sie engagieren sich auch außerhalb des eigenen Unternehmens. Warum gehört das für Sie dazu?
„Ich engagiere mich im Unternehmernetzwerk FUN und habe beispielsweise einen Promotionsanhänger bei der SG mitgesponsert. Ich glaube, wenn man als Unternehmer für die Menschen vor Ort da ist, gehört es zur sozialen Verpflichtung, sich in die Gemeinschaft einzubringen.
Das hat auch eine persönliche Komponente. Wer sich einbringt, erhält Sympathie zurück. Aber man muss erst einmal geben, bevor man etwas nehmen darf.“
„FUN ist eigentlich ein Phänomen“
Sie gehören dem Vorstand von FUN Michendorf an. Welche Bedeutung hat die Organisation?
„Meine persönliche Bedeutung ist so unwichtig, wie ich nur unwichtig sein kann. FUN ist eigentlich ein Phänomen.
Der Name ist einerseits gut, weil FUN natürlich schön klingt. Aber ein Netzwerk im klassischen Sinne ist es nicht. Wer glaubt, über FUN zahlreiche neue Geschäftskontakte und Aufträge produzieren zu können, täuscht sich. Deshalb gehen manche Unternehmer auch enttäuscht wieder.
Wenn man FUN dagegen als kleinen Unternehmerverbund versteht, der sich auf die Fahne geschrieben hat, der Gemeinde zu helfen, dann trifft es die Sache besser. Nicht unbedingt der politischen Organisation, sondern der Gemeinschaft. Wir helfen mit etwas Geld, mit Wissen und mit dem Signal, dass Unternehmer ein Teil dieser Gemeinde sein wollen und können. Das ist mein Antrieb.
Ein Unternehmer hat für mich eine soziale Funktion. Nicht nur, weil er möglicherweise Geld verdient, sondern weil er Dinge sieht, Zusammenhänge versteht und sich beteiligen kann. Wer sich nicht ausdrücklich parteipolitisch engagieren möchte, findet bei FUN einen Weg, gesellschaftlich teilzuhaben.
Wer gestalten will und ein Unternehmen trägt, ist ein Teil der Gesellschaft. Wenn er in einer so wunderbaren Gemeinde wie Michendorf lebt, ist das eine zusätzliche Motivation.“
Freiheit, Staat und soziale Marktwirtschaft
Sie sind auch politisch aktiv und bei der vergangenen Kommunalwahl für die FDP angetreten. Wie kam es dazu?
Ich war immer ein Verfechter der individuellen, freiheitlichen Lebensgestaltung. Der Staat muss da sein. Er bildet einen wichtigen Rahmen für die Freiheit des Einzelnen.
Mein Grundempfinden ist allerdings, dass der Staat immer weiterwächst und die Freiheit des Einzelnen immer weiter zurückgedrängt wird. Je weiter sich die Technologie entwickelt, desto stärker werden auch diese Möglichkeiten der Übergriffigkeit für den Staat. Wir sehen es an der Steuerquote, an Vorgaben und an Regulierungen. Alle sagen, wir seien überreguliert. Aber diese Entwicklung hat nicht erst heute begonnen.
Früher wäre es beispielsweise für ein großes Unternehmen beinahe unanständig gewesen, um eine Subvention zu bitten. Heute könnte sich ein Vorstandsvorsitzender gegenüber den Eigentümern sogar angreifbar machen, wenn er eine mögliche Förderung aus ethischen Gründen ablehnt. Er ist schließlich verpflichtet, das Beste für das Unternehmen zu erreichen.
Ich finde diese Entwicklung nicht richtig. Große Unternehmen rufen nach Subventionen. Die Automobilindustrie und die Pharmaindustrie sind klassische Beispiele. Die Unternehmen jammern und weisen gleichzeitig Milliardengewinne aus.
Das ist für mich eine Deformierung der sozialen Marktwirtschaft. Wenn ich eine neue Technologie einführe, kann es auch einmal sein, dass ein Unternehmen ein oder zwei Jahre Verluste macht. In anderen Ländern wird das akzeptiert. In Deutschland wird schnell nach staatlicher Unterstützung gerufen. Das bringt uns nicht weiter. Das ständige Rufen nach dem Staat schwächt uns selbst.“
Was bedeutet diese Haltung auf kommunaler Ebene?
„Ich engagiere mich nicht, weil ich mich selbst für besonders wichtig halte. Ich hatte bei der Kommunalwahl nicht den Anspruch, unbedingt gewählt zu werden. Sonst hätte ich einen anderen Wahlkampf geführt. Die Möglichkeiten dazu hätte ich gehabt.
Ich wollte zeigen: Ich bin da. Ich fühle mich für die Gemeinschaft mitverantwortlich. Wenn es funktioniert hätte, wäre ich dabei gewesen. Vielleicht wäre ich irgendwann nachgerückt. Aber das war nicht mein eigentlicher Ansatz.
Ein Auslöser für meine Kandidatur war auch das Bekenntnis gegen den europaweit sichtbaren rechtsextremen und rechtsradikalen Trend. Man muss sich positionieren. Man kann später nicht sagen: ‚Das habe ich nicht gewusst.‘“
Werden Sie bei der nächsten Kommunalwahl erneut antreten?
„Das weiß ich heute wirklich noch nicht. Ich lebe jetzt. Und auf mein Alter wollen wir nicht anspielen – darüber zu reden, ist mir verboten.
Ich plane keine politische Karriere und auch keine Unternehmerkarriere. Ich versuche, meine Talente in mein Leben einzubringen. Nicht nur, weil ich Freude am Leben haben möchte, sondern weil ich etwas gestalten will.“
Seit 34 Jahren „Talent befreites Golf“
Ein weiteres Talent oder zumindest eine große Leidenschaft von Ihnen ist der Golfsport. Warum Golf – und warum gerade hier?
„Ich spiele seit 34 Jahren Talent befreit Golf. Jeder, der vernünftig Golf spielt, hat mir schon gesagt, ich solle es vielleicht lieber lassen.
Für mich ist Golf ein wunderschöner Ausgleich. Man bewegt sich, und es ist für mich auch ein Gemeinschaftsspiel. Ich spiele hier mit den Senioren. Das ist eine großartige Gruppe mit ganz unterschiedlichen Charakteren mit ganz unterschiedlichen intellektuellen Hintergründen. Diese Vielfalt fasziniert mich."
Warum gerade hier?
"Ich hätte beinahe gesagt: weil man mich in Wannsee abgelehnt hat. Aber damit habe ich meinen Frieden gemacht. Es gibt den bekannten Satz: ‚Ich möchte keinem Club angehören, der Leute wie mich als Mitglied aufnimmt.‘
Der Golfclub hier bot sich an. Ich wohnte damals noch in Wannsee, und die Fahrt dauerte ungefähr 22 Minuten. Die Anlage ist sensationell. Natürlich gibt es inzwischen Herausforderungen, beispielsweise beim Wasser und bei den Strukturen. Aber die Faszination bleibt.
Als ich mit dem Golf begann, gab es kaum Neun-Loch-Runden. Wenn man Golf spielte, dann nahm man sich den Tag dafür. In Frankfurt trafen wir uns freitags gelegentlich, weil wir auch beruflich etwas besprechen wollten. Dann fragten wir: ‚Besprechen wir es vor dem Golf?‘ – ‚Nein, wir spielen erst einmal.‘ Nach der Runde sprachen wir dann nur noch über Golf. Das eigentliche Thema war erledigt.
Heute geht vieles schneller: schnell neun Löcher, schnell noch eine kurze Runde. Die Kultur hat sich verändert. Natürlich hat sich vieles verändert. Aber Golf bedeutet für mich: slow down. Es erdet. Jeder Schlag ist neu.
Ich war zwei Jahre in England und spielte dort in einem sehr alten Golfclub. Das Erste, was man mir schenkte, war eine Clubkrawatte. Mit der Kleidung, mit der wir hier teilweise auf den Platz gehen, wären wir dort nicht erschienen. Das war kein reicher Club, aber es war eine andere Kultur.
Golf ist allerdings vielfältig. Ich möchte das gar nicht auf eine bestimmte Form reduzieren.“
„Man muss Farbe bekennen“
Warum haben Sie sich zu einem Interview mit der Michendorfer Rundschau bereit erklärt?
„Erstens, weil ich den Herausgeber sympathisch finde. Zweitens, weil ich glaube, dass man sich mit seiner Meinung nicht verstecken sollte.
Nicht jedem wird gefallen, was ich sage. Aber ich bin auch nicht so bedeutend, dass meine Aussagen für besonders viele Menschen schmerzhaft wären. Trotzdem muss man Farbe bekennen.
Man muss sagen: Da stehe ich. Das bin ich. So ist es.“




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