Vom Ein-Mann-Projekt zum digitalen Dorfplatz: Michendorf.Blick knackt die 1.000
- Gregory Gosciniak

- vor 2 Tagen
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Michendorf - „Eigentlich nur eine Zahl.“ So beschreibt Boris Brakebusch die Marke von über 1.000 Mitgliedern in seiner Facebook-Gruppe. Ganz so gleichgültig ist sie ihm dann aber doch nicht. „Natürlich sind mein kleines Admin-Team und ich auch ein wenig stolz. Das ist der Lohn für die ehrenamtliche Tätigkeit“, sagt der Gründer der Facebook-Gruppe Michendorf.Blick.
Knapp zweieinhalb Jahre nach dem Start ist aus einer kleinen Facebook-Gruppe einer der größten digitalen Treffpunkte der Gemeinde geworden. Viele Michendorfer nutzen ihn täglich – für Nachrichten, Veranstaltungen, politische Diskussionen, Natur, Geschichte, Suchanzeigen oder einfach den Austausch mit Nachbarn.
„Michendorf ist seit über 20 Jahren meine Heimat“
Für Brakebusch ist die Gruppe weit mehr als ein Hobby. „Michendorf ist seit über zwei Jahrzehnten meine Heimat. Hier sind meine Kinder geboren und groß geworden, hier ist der Mittelpunkt unserer Familie“, erzählt er.
Die Mischung aus Natur, Geschichte und Kultur vor den Toren Berlins und Potsdams habe ihn schon immer fasziniert. Genau diese Begeisterung möchte er weitergeben. Aus diesem Gedanken entstanden später auch seine inzwischen bekannten „Michendorfer Geschichten“ – fiktive Erzählungen, die auf historischen Begebenheiten beruhen.
„Ich gehe ganz anders durch den Ort“, sagt Brakebusch. „Inzwischen kenne ich die Geschichte vieler Häuser, Geschichten hinter deren Fassaden und aktuelle Pläne aus dem Rathaus.“
Dieses Wissen habe seine Heimatverbundenheit wachsen lassen. „So kann Gemeinschaft und Engagement entstehen.“
„Von allem etwas“
Was ist Michendorf.Blick eigentlich? Für Brakebusch lautet die Antwort erstaunlich einfach: „Von allem etwas.“ Tatsächlich ist die Gruppe heute weit mehr als eine klassische Facebook-Seite. Sie vereint aktuelle Nachrichten, Wetter, Werbung, Kultur, Natur, Verkehr, Politik, historische Beiträge und persönliche Anliegen unter einem Dach.
Genau diese Mischung unterscheide das Angebot aus seiner Sicht von anderen lokalen Gruppen.
„Michendorf.Blick ist die einzige Gruppe mit einem solch breiten Themenfeld“, sagt Brakebusch. Gleichzeitig sei sie im Gegensatz zu reinen Informationskanälen interaktiv. „Es entwickeln sich regelmäßig lebhafte und interessante Diskussionen – auch über brisante politische Themen.“
Aus einer Idee wurde ein Gemeinschaftsprojekt
Als die Gruppe im Dezember 2023 entstand, veröffentlichte Brakebusch nach eigenen Angaben nahezu alle Beiträge selbst. Er sichtete täglich Zeitungen, Internetseiten der Gemeinde und Informationen von Unternehmen aus Michendorf. Seit 2025 existiert zusätzlich eine eigene Internetseite mit verschiedenen Rubriken.
Heute unterstützen zwei weitere Administratoren die Gruppe ehrenamtlich. Gleichzeitig liefern immer mehr Mitglieder selbst Inhalte.
„Viele Akteure aus Michendorf und Umgebung teilen inzwischen selbst ihre Beiträge – unentgeltliche Werbung, aktuelle Nachrichten oder persönliche Anliegen. So, wie das in einer lebendigen Gruppe ja auch sein sollte.“
200.000 Aufrufe im Monat
Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen die Zahlen, die Brakebusch aus der Facebook-Statistik nennt: Demnach erscheinen in der Gruppe inzwischen rund 600 Beiträge pro Monat, die zusammen durchschnittlich etwa 200.000 Mal aufgerufen werden. Facebook zeige außerdem, dass täglich rund 700 Menschen die Gruppe regelmäßig besuchen.
„An erster Stelle stehen tatsächlich politische Entscheidungen in der Gemeinde, die Wirkung in die Zukunft haben und alle betreffen“, sagt Brakebusch. Als Beispiele nennt er das Mobilitätskonzept, die Ausgleichsbeiträge im Sanierungsgebiet, die Gestaltung der Apfelmitte oder den neuen Flächennutzungsplan. Einzelne Beiträge hätten bereits rund 10.000 Aufrufe erreicht. Aber auch Berichte über Brände, Unfälle oder Kriminalitätsfälle sowie die „Michendorfer Geschichten“ würden regelmäßig besonders häufig gelesen.
Lob für die MIR – Kritik an anderen Angeboten
Brakebusch sieht seine Gruppe nicht in Konkurrenz mit Michendorfer Rundschau – im Gegenteil.
„Zum Glück gibt es inzwischen die unabhängige Michendorfer Rundschau. Hätte es die schon 2023 gegeben, wäre Michendorf.Blick vielleicht gar nicht entstanden“, sagt er. Heute freue er sich, „wenn die MIR fast täglich Artikel in die Gruppe postet und damit auch gute Reichweiten generiert.“
Tatsächlich profitieren beide Seiten voneinander. Während die MIR über Michendorf.Blick zusätzliche Leserinnen und Leser erreicht, zeigen Diskussionen in der Gruppe häufig, welche Themen die Menschen bewegen und wo weiterer Recherchebedarf besteht.
Gleichzeitig übt Brakebusch Kritik an den Informationsangeboten der Gemeinde und an einem weiteren lokalen Printmedium. Dieses bezeichnet er als besonders gemeindenah und verweist darauf, dass es finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde erhalte. Aus seiner Sicht würden kontroverse kommunale Themen dort und auf den offiziellen Kanälen nicht ausreichend beleuchtet beziehungsweise seien Informationen teilweise nur schwer auffindbar. Diese Einschätzungen geben seine persönliche Bewertung wieder.
Gemeinde weist Kritik zurück
Die Gemeindeverwaltung bewertet die Situation anders. Auf Anfrage der MIR erklärt sie, regelmäßig und umfassend über ihre Internetseite, das Amtsblatt, die Gemeindenachrichten sowie das öffentliche Sitzungsportal Allris zu informieren. Gerade bei größeren Projekten würden Bürgerinnen und Bürger zusätzlich durch Workshops, Online-Beteiligungen und Informationsveranstaltungen einbezogen.
Auch den Eindruck, ein anderes lokales Medium stehe der Gemeinde besonders nahe, weist die Verwaltung zurück. Die finanzielle Unterstützung erfolge auf Grundlage der allgemeinen Kulturförderrichtlinie und stehe grundsätzlich allen Vereinen für entsprechende Projekte offen. Über Förderungen entscheide der zuständige Fachausschuss. Die Redaktion arbeite unabhängig; lediglich eine klar gekennzeichnete Seite werde von der Gemeindeverwaltung selbst gestaltet.
„Mal gibt es Zustimmung, mal Kritik“
Dass Michendorf.Blick heute für viele Bürger durchaus ein wichtiger Ort des Austauschs geworden ist, bestätigt auch Axel Lipinski-Mießner, Vorsitzender der FDP Michendorf und ihrer Fraktion in der Gemeindevertretung.
„Die Gruppe zeigt, wie lebendig der Austausch in Michendorf ist. Mal gibt es Zustimmung, mal Kritik – genau das gehört zu einer Demokratie“, erklärt er gegenüber der MIR.
Politiker müssten auch deutliche und zugespitzte Kritik aushalten. Nicht jede scharf formulierte Äußerung dürfe vorschnell als Hass oder Hetze eingeordnet werden. Auch anonyme Meinungsäußerungen könnten Teil einer offenen Debattenkultur sein.
Brakebusch sieht das ähnlich. Für ihn gelten in der Gruppe vor allem das Grundgesetz und die deutschen Strafgesetze. „Meinungsfreiheit steht in deren Rahmen ganz weit oben“, sagt er. „Dabei spielt die politische Richtung keine Rolle und es darf auch mal derbe diskutiert werden.“
Nicht jede Facebook-Gruppe verfolgt dasselbe Ziel
Dass lokale Facebook-Gruppen ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen können, zeigt ein weiteres Michendorfer Nachbarschaftsnetzwerk. Die Administratorin der dazugehörigen WhatsApp-Gruppe beschreibt die Gruppe gegenüber der MIR bewusst als digitales „Schwarzes Brett“. Im Mittelpunkt stünden Nachbarschaftshilfe, Fundstücke, Tausch- und Verkaufsangebote, Veranstaltungshinweise sowie praktische Unterstützung im Alltag.
„Mähst du meinen Rasen, schneide ich dir die Haare. Reparierst du meinen Computer, backe ich dir einen Kuchen“, beschreibt sie die ursprüngliche Idee.
Politische Diskussionen seien dort ausdrücklich nicht vorgesehen. „Wir sind Nachbarn, die nachhaltig denken, sich gegenseitig helfen und aushelfen. Wir sind ein Schwarzes Brett – nicht mehr und nicht weniger.“
Gerade darin liegt einer der größten Unterschiede zu Michendorf.Blick. Während das eine Angebot bewusst auf praktische Nachbarschaftshilfe setzt, versteht Brakebusch seine Gruppe als Mischung aus Nachrichtenplattform, Diskussionsforum und digitalem Dorfplatz.
Zeitinvestment: „Zu viel Zeit“
Hinter der Gruppe steckt allerdings viel ehrenamtliche Arbeit. Auf die Frage, wie viel Zeit er inzwischen investiere, antwortet Brakebusch nur: „Zu viel Zeit.“
Mit dem Wachstum der Gruppe werde manches einfacher, weil immer mehr Mitglieder selbst Beiträge einreichen. Dennoch bleibe die ehrenamtliche Betreuung die Grundlage des gesamten Projekts.
Eine Herausforderung sieht er inzwischen weniger in den Inhalten als in Facebook selbst.
„Man wird heute mit Werbung und Spam-Beiträgen zugemüllt. Nur das ständige gezielte Suchen und Aufbereiten von Meldungen rund um unseren Ort sowie das Engagement unserer Mitglieder führt zum Wachstum der Gruppe.“
Mehr als eine Facebook-Gruppe
Auch für die Zukunft hat Brakebusch Ideen. Weitere regionale Inhalte könne er sich vorstellen – der Schwerpunkt solle jedoch klar auf Michendorf bleiben. Denkbar sei sogar ein „Michendorf.Blick-Stammtisch“, um die digitale Gemeinschaft künftig auch persönlich zusammenzubringen.
Auf die Frage, was er in den vergangenen Jahren über Michendorf gelernt habe, betont er: „Wie verbunden die Menschen jeweils mit ihren verschiedenen Ortsteilen sind und überwiegend die ländliche Prägung und Natur erhalten möchten, ihre sozialen und kulturellen Traditionen pflegen und im Großraum Berlin/Potsdam trotzdem offen für Neues sind.“
Vielleicht erklärt genau das den Erfolg von Michendorf.Blick. Die Gruppe ist längst mehr als eine einfache Facebook-Gruppe. Sie ist für viele Menschen zu einer Art digitalem Dorfplatz geworden – einem Ort, an dem informiert und diskutiert wird. Mit inzwischen mehr als 1.000 Mitgliedern dürfte ihre Geschichte jedenfalls noch lange nicht zu Ende erzählt sein.




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