„Weg vom Auto“? Mobilitätskonzept verschärft Parkplatz-Debatte in Michendorf
- Gregory Gosciniak

- vor 1 Tag
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Michendorf - Ein Satz aus dem Mobilitätskonzept der Gemeinde Michendorf sorgt derzeit für Diskussionen weit über die üblichen verkehrspolitischen Debatten hinaus. Dort heißt es, die Reduzierung von Stellflächen solle als sogenannte „Push-Maßnahme“ dazu beitragen, die Verkehrsmittelwahl im Einkaufsverkehr „weg von der Kfz-Nutzung hin zu umweltfreundlichen Verkehrsmitteln“ zu lenken.
Was in einem Planungsdokument zunächst nüchtern klingt, wird von vielen Bürgern als grundsätzliche Aussage über die Zukunft des Autos in Michendorf verstanden. Entsprechend emotional fallen die Reaktionen aus.
Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion ursprünglich durch einen Bericht des rbb über den die Michendorfer Rundschau berichtete. Darin ging es um Überlegungen in Potsdam, Supermarktparkplätze außerhalb der Öffnungszeiten stärker für Anwohner nutzbar zu machen. Doch in Michendorf verlagerte sich die Debatte schnell auf die eigene Verkehrspolitik. Leser unseres Beitrags verwiesen auf das Mobilitätskonzept der Gemeinde und die dort formulierten Ziele für die kommenden Jahre.
Aus einer Parkplatzfrage wird eine Grundsatzdebatte
Viele Bürger sehen einen Widerspruch zwischen der Diskussion über zusätzliche Parkmöglichkeiten und den Vorschlägen des Mobilitätskonzepts. Dort wird unter anderem empfohlen, Parkflächen an Supermarktstandorten langfristig stärker zu begrünen und die Zahl der Pkw-Stellplätze zu reduzieren. Die frei werdenden Flächen könnten nach Vorstellung der Planer für Grünanlagen oder zusätzliche Fahrradabstellmöglichkeiten genutzt werden.
Für zahlreiche Leser ist genau das der Kern des Problems.
So kritisierte ein Nutzer, die Gemeinde baue Parkplätze zurück und wundere sich anschließend über Parkplatzmangel. Statt die eigene Infrastruktur auszubauen, solle plötzlich darüber diskutiert werden, ob private Eigentümer zusätzliche Stellplätze bereitstellen könnten. Das sei widersprüchlich.
Andere Kommentatoren erinnerten daran, dass die Parkplatzfrage in Michendorf keineswegs neu sei. Früher habe es beispielsweise Schrankenregelungen gegeben, die aus ihrer Sicht gut funktioniert hätten. Zudem seien zeitliche Begrenzungen auf Supermarktparkplätzen grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Die eigentliche Diskussion beginne erst dort, wo bestehende Parkmöglichkeiten verringert würden.
Alltag trifft auf Verkehrsplanung
Besonders kritisch reagieren viele Bürger auf die Vorstellung, dass weniger Parkplätze automatisch zu weniger Autoverkehr führen könnten.
Dabei wird immer wieder auf die Struktur der Gemeinde verwiesen. Michendorf besteht nicht nur aus dem Ortskern. Wer in Wildenbruch, Wilhelmshorst, Fresdorf oder Stücken lebt, hat oft andere Wege und andere Mobilitätsbedürfnisse als Bewohner der so genannten "Apfelmitte".
Ein Leser bemerkte dazu, die Gemeinde vergesse offenbar, dass nicht jeder aus der „tollen Apfelmitte“ komme und mit dem „Drahtesel“ zum Einkaufen fahren könne. Gerade in den weiter entfernten Ortsteilen sei das Auto häufig keine Komfortfrage, sondern schlicht das praktikabelste Verkehrsmittel.
Hinzu komme die Situation des öffentlichen Nahverkehrs. Mehrere Kommentatoren wiesen darauf hin, dass Busverbindungen in einigen Bereichen der Gemeinde deutlich weniger dicht seien als in städtischen Gebieten.
Familien, Senioren und Pendler sehen sich nicht wieder
Auffällig ist, dass sich die Kritik nicht nur auf Autofahrer beschränkt. Viele Leser argumentieren mit konkreten Alltagssituationen.
So wird immer wieder gefragt, wie Familien ihren Wocheneinkauf künftig bewältigen sollen. Getränkekisten, Großeinkäufe oder Besorgungen für mehrere Personen ließen sich nach Ansicht vieler Kommentatoren nicht ohne Weiteres auf das Fahrrad verlagern.
Ein Leser fragte deshalb, warum man nicht Parkplätze für Autos, Fahrradständer und Grünflächen gleichzeitig schaffen könne. Andere verwiesen darauf, dass jemand, der für eine Familie einkaufe, dies in der Regel nicht mit dem Fahrrad erledige.
Auch Senioren und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen werden regelmäßig genannt. Mehrere Bürger äußerten die Sorge, dass deren Bedürfnisse bei verkehrspolitischen Planungen zu wenig berücksichtigt würden. Aus ihrer Sicht dürfe Mobilität nicht nur aus der Perspektive junger und körperlich uneingeschränkter Menschen betrachtet werden.
Parkplatzmangel schon heute?
Ein weiterer Vorwurf zieht sich durch zahlreiche Kommentare: Viele Bürger empfinden die Parkplatzsituation bereits heute als angespannt.
Mehrfach wurde berichtet, dass insbesondere an den Supermarktstandorten regelmäßig nach freien Stellplätzen gesucht werden müsse. Vor diesem Hintergrund stößt die Vorstellung weiterer Reduzierungen auf wenig Verständnis.
Ein Nutzer bezeichnete entsprechende Überlegungen als „Irrsinn“, weil man bereits jetzt häufig Schwierigkeiten habe, einen Parkplatz zu finden. Andere verwiesen darauf, dass dies unabhängig von Wochentag oder Uhrzeit gelte.
Auch die geplante Umgestaltung der Potsdamer Straße wird in diesem Zusammenhang immer wieder erwähnt. Mehrere Kommentatoren befürchten, dass dort weitere Parkplätze verloren gehen könnten. Ob dies tatsächlich der Fall sein wird, ist derzeit offen. Die Diskussion zeigt jedoch, wie sensibel das Thema inzwischen wahrgenommen wird.
Sorge um die Zukunft des Einzelhandels
Für viele Bürger endet die Debatte nicht bei der Parkplatzsuche.
Sie sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Parkmöglichkeiten und der Zukunft des örtlichen Einzelhandels. Mehrere Leser äußerten die Befürchtung, dass Kunden ihre Einkäufe zunehmend außerhalb der Gemeinde erledigen könnten, wenn die Erreichbarkeit der Märkte erschwert werde.
Besonders deutlich formulierte dies ein Kommentator mit dem Hinweis, Michendorf sei keine Großstadt. Wenn die Autokunden wegblieben, könnten die Märkte langfristig in Schwierigkeiten geraten.
Ähnliche Fragen wirft auch das Online-Portal Michendorf.Blick auf. In einem Beitrag zum Mobilitätskonzept wird darauf hingewiesen, dass Familien, Senioren oder Berufstätige ihre Einkäufe häufig nicht aus Bequemlichkeit mit dem Auto erledigten, sondern weil größere Mengen transportiert werden müssten oder mehrere Besorgungen miteinander verbunden würden.
Der Beitrag stellt deshalb die Frage, ob einzelne Vorschläge des Mobilitätskonzepts tatsächlich zur Lebensrealität einer Flächengemeinde wie Michendorf passen.
FDP fordert „Kurswechsel“
Auch politisch bleibt die Debatte nicht ohne Reaktion.
Auf Anfrage der Michendorfer Rundschau äußerte sich FDP-Partei und -Fraktionschef Axel Lipinski-Mießner deutlich. Bereits die Diskussion über eine nächtliche Freigabe von Supermarktparkplätzen zeige aus seiner Sicht, dass die Parkplatzpolitik der vergangenen Jahre an den Bedürfnissen vieler Bürger vorbeigehe.
Besonders kritisch bewertet er die im Mobilitätskonzept formulierte Idee, Stellplätze bewusst zu reduzieren, um das Mobilitätsverhalten der Menschen zu beeinflussen.
„Wer sich so etwas ausdenkt, hat entweder noch nie im Berufsleben gestanden oder verwechselt Politik mit Erziehungsmaßnahmen“, erklärt Lipinski-Mießner.
Als Beispiel nennt er seinen eigenen Alltag. Wer nach zehn oder zwölf Stunden Arbeit nach Hause komme, werde sich kaum noch auf ein Lastenrad setzen, um Einkäufe zu erledigen. Das Auto bleibe für viele Menschen in der Gemeinde das wichtigste Verkehrsmittel.
Lipinski-Mießner fordert deshalb einen politischen Kurswechsel. Wer Handel, Gewerbe und eine lebendige Ortsmitte erhalten wolle, müsse ausreichend Parkmöglichkeiten schaffen statt sie zu reduzieren. Dafür brauche es, so der FDP-Politiker, künftig eine stärkere liberale Stimme in der Kommunalpolitik.
Die eigentliche Debatte beginnt erst
Trotz aller Kritik gilt: Das Mobilitätskonzept selbst ist zunächst eine strategische Grundlage. Die darin enthaltenen 264 Maßnahmen werden nicht automatisch umgesetzt. Für konkrete Projekte sind weitere politische Beschlüsse notwendig.
Die aktuelle Diskussion zeigt jedoch, dass die Frage nach Parkplätzen längst zu einem Symbol geworden ist. Dahinter steht die grundsätzliche Auseinandersetzung darüber, wie Mobilität in Michendorf künftig aussehen soll.
Während Befürworter des Konzepts auf Klimaschutz, Verkehrssicherheit und eine stärkere Förderung von Rad- und Fußverkehr verweisen, sehen viele Bürger die Gefahr, dass die Bedürfnisse von Familien, Pendlern, Senioren und den Bewohnern der Ortsteile aus dem Blick geraten.
Die Diskussion um einige Supermarktparkplätze hat damit eine deutlich größere Frage aufgeworfen: Wie viel Auto soll in Michendorf künftig noch Platz haben – und wer entscheidet darüber?




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