Bürgermeisterbarometer: Was wurde aus den Versprechen von 2019?
- Oliver Bettermann

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Michendorf – Fast jeder dritte Michendorfer können sich einen Wechsel an der Rathausspitze durchaus Vorstellen - das ergab zumindest das vor kurzem veröffentlichte Michendorfer Bürgermeisterbarometer. Dieser beschreibt damit eine offensichtliche Verschiebung der öffentlichen Meinung im Vergleich zum Wahlergebnis 2019 – erklärt sie aber noch nicht.
Die Michendorfer Rundschau beginnt deshalb die Suche nach möglichen Ursachen dort, wo diese Amtszeit begann: bei den Versprechen von 2019. Was wurde angekündigt, was umgesetzt – und wo klaffen Anspruch und heutige Wirklichkeit auseinander?
Eine einfache Abrechnung nach dem Muster „gehalten“ oder „gebrochen“ wäre dabei zu billig. Denn die erste Bilanz fällt deutlich gemischter aus.
Das große Versprechen: Miteinander und Bürgernähe
2019 stand ein Begriff über vielen Vorhaben: Miteinander. Die damalige Kandidatin versprach ein „beispielloses Zusammenwirken“ von Verwaltung, Gemeindevertretung, Gewerbe und Ehrenamt. Informationen sollten früher kommen, persönliche Gespräche ausgebaut, soziale Netzwerke genutzt und ein Bürgerhaushalt erprobt werden.
Auch ein sachorientiertes, fraktionsübergreifendes Miteinander gehörte ausdrücklich zu den Zielen. Diese Punkte stehen bis heute auf der Website der Amtsinhaberin und finden sich bereits im damaligen Wahlkampfbeitrag in einem Regionalmagazin.
Passiert ist durchaus etwas. Ein bereits 2024 durchgeführter losbasierter Bürgerdialog brachte rund 80 Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Ortsteile zusammen.
Nach rund 6 Jahren im Amt wurden 2025 offene Bürgerdialoge eingeführt. Hinzu kam im August 2026 ein neues monatliches Format direkt in den Ortsteilen.
Doch gleichzeitig gehört ausgerechnet Kommunikation zu den Bereichen, in denen die MIR in den vergangenen Monaten wiederholt Konflikte dokumentierte. Es gab öffentliche Diskussionen über den Umgang mit Kritik in sozialen Netzwerken - letztlich stellte die Amtsinhaberin ihre persönliche Facebookseite offline. Über die dazugehörige Instagramseite werden weiterhin viele Themen aus Ihrer Arbeit - teilweise exklusiv - kommuniziert.
Bürgerhaushalt: Versprechen erfüllt – und dann eingefroren
Kaum ein Beispiel illustriert diese Ambivalenz besser als der Bürgerhaushalt. 2019 ausdrücklich angekündigt, wurde er tatsächlich eingeführt. Doch die Projekte aus dem fünften Bürgerhaushalt wurden bereits für 2025 und 2026 ausgesetzt; auch 2027 soll das Instrument pausieren beziehungsweise überarbeitet werden.
Als Gründe nennt die Verwaltung die angespannte Finanzlage und eine geringe Beteiligung. Zuletzt nahmen nur 322 Bürger teil, das entsprach 2,6 Prozent der Stimmberechtigten statt der vorgesehenen fünf Prozent.
Die neue Ortsmitte ist da – aber ist sie auch angekommen?
Noch sichtbarer ist die Entwicklung des Michendorfer Ortskerns. Schon 2019 sollte rund um Potsdamer Straße, Teltomatgelände und Bahnhof ein Zentrum entstehen, in das man gerne geht. In der damaligen Vision tauchten ein Marktplatz, ein Wochenmarkt und sogar eine neue Verbindung über die Bahn auf.
Heute stehen Rathaus, Gesundheitszentrum und „Apfel-Mitte“. Gebaut wurde also sichtbar.
Doch die MIR kam bei einer eigenen Leserumfrage zu einem bemerkenswert anderen Eindruck: Rund drei Viertel der Teilnehmer sahen durch den neuen Ortskern keine Verbesserung, ganz im Gegenteil, viele empfanden den Ortskern als "abweisend" und "wenig einladend".
Auch andere Medien begleiten dieses Thema intensiv. Dort stehen weniger die entstandenen Gebäude als die noch offenen Fragen im Mittelpunkt: Der Umbau der Potsdamer Straße wird derzeit mit rund 12,3 Millionen Euro veranschlagt, der Baustart könnte nach aktuellem Planungsstand frühestens 2028 erfolgen. Gleichzeitig sollen Stellplätze entfallen.
Die versprochene kurze Verbindung über die Bahn zum neuen Zentrum befindet sich ebenfalls weiterhin in der Prüfung.
Damit entsteht ein interessantes Bild: Die Ortsmitte ist eines der sichtbarsten Ergebnisse der Amtszeit – und zugleich offenbar eines der Projekte, bei denen ein Teil der Bevölkerung das Ergebnis anders bewertet als das Rathaus.
Haus Polygon: Aus „Nachnutzung“ wurde Dauerfrage
Ein weiteres Wahlversprechen war der Umgang mit dem sogenannten Haus Polygon an der Potsdamer Straße.
Damals sollte für das ehemalige Hotel eine „sinnvolle Nachnutzung“ entwickelt werden.
Im Bürgermeisterwahlkampf wurde über eine Perspektive mit Wohnen und Gewerbe gesprochen. Die Unterbringung von Geflüchteten war zunächst zeitlich begrenzt.
Sieben Jahre später ist daraus keine abgeschlossene Nachnutzung geworden. Das Haus wird weiterhin als Gemeinschaftsunterkunft genutzt. Nach aktuellen Angaben von Michendorf.Blick leben dort rund 260 Menschen.
Damit hat sich die Ausgangslage seit 2019 deutlich verändert. Das damalige Ziel einer anderweitigen Nachnutzung ist bislang nicht umgesetzt. Stattdessen könnte der Standort dauerhaft eine soziale Funktion behalten.
Wirtschaft und Digitalisierung: Hier sind Versprechen sichtbar umgesetzt
Zu einer fairen Bilanz gehören auch die Punkte, bei denen die Umsetzung kaum zu bestreiten ist.
2019 sollten Digitalisierung, Fördermittelmanagement und eine kompetente Anlaufstelle für Unternehmen ausgebaut werden. Seit 2023 verfügt die Gemeinde über ein digitales Serviceportal. Im Büro der Rathauschefin gibt es heute ausdrücklich die Bereiche Wirtschaftsförderung und Fördermittelmanagement, Unternehmen erhalten dort laut Angaben der Verwaltung Unterstützung bei Ansiedlungs-, Förder- und Verwaltungsfragen.
Allerdings zeigt die jüngere MIR-Recherche auch hier eine zweite Seite: Wegen der Finanzlage soll die Wirtschaftsförderrichtlinie 2027 erneut ausgesetzt bleiben; für einzelne Maßnahmen waren zuletzt nur noch 5.000 Euro vorgesehen.
Ausgeglichener Haushalt trifft auf knappe Kasse
Besonders ambitioniert war 2019 das Finanzversprechen: Jährlich sollte fristgerecht ein ausgeglichener Haushalt beschlossen werden. Fördermittelmanagement, klare Investitionsplanung und Beiträge von Investoren sollten dabei helfen.
Sieben Jahre später berichtet die MIR regelmäßig über eine Gemeinde, die priorisieren muss. Zum 31. Mai 2026 wurde der Schuldenstand mit rund 18,22 Millionen Euro angegeben; zugleich bestand eine weitere Kreditermächtigung von bis zu drei Millionen Euro. Bürgerhaushalt und Wirtschaftsförderung werden eingeschränkt, Investitionen müssen gegeneinander abgewogen werden.
Mobilität und Klima: Fortschritt – und neuer Streit
2019 sollten Klimaschutz und bessere Mobilität zu Schwerpunkten werden. Heute gibt es einen Klimaschutz- und Energiemanager. Nach Angaben der Gemeinde wurden 85 Prozent der Maßnahmen des Klimaschutzkonzeptes zumindest begonnen.
Die MIR schaute genauer hin: Von 52 Maßnahmen galten im Sommer lediglich 8 als umgesetzt.
Ähnlich zweischneidig fällt die Mobilitätsbilanz aus. Das 2023 beschlossene Mobilitätskonzept umfasst 264 Maßnahmen. Doch ausgerechnet seine Vorschläge zur Reduzierung von Autoverkehr und Stellflächen haben sich inzwischen zu einem Reizthema entwickelt.
Sowohl MIR-Recherchen als auch Beiträge in den sozialen Netzwerken dokumentieren intensive Diskussionen darüber, ob eine ländlich geprägte Pendlergemeinde Familien, Senioren und Berufstätige ausreichend berücksichtigt, wenn Parkraum reduziert und der Radverkehr stärker berücksichtigt wird.
Auffällig ist dabei: Im Bürgermeisterbarometer ist der Wechselwunsch ausgerechnet bei den 30- bis 44-Jährigen mit 51,8 Prozent und den 45- bis 59-Jährigen mit 49,3 Prozent besonders hoch. Ob Mobilität, Familienalltag oder andere Themen dafür eine Rolle spielen, lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten. Es ist aber eine der Fragen, denen die MIR nun gezielt nachgehen wird.
Vielleicht liegt die Erklärung genau dazwischen
Nach diesem ersten Abgleich wäre es falsch zu behaupten, die Versprechen von 2019 seien überwiegend unerfüllt geblieben.
Digitalisierung, Fördermittelmanagement, Wirtschaftsförderung, Klimaschutzstrukturen, Bürgerdialoge und die neue Ortsmitte sind konkret sichtbar. Auch ein bundesweiter Gemeindecheck des Instituts der Deutschen Wirtschaft bescheinigte Michendorf 2026 insgesamt eine „sehr gute“ Daseinsvorsorge.
Genauso falsch wäre aber die Behauptung, die damaligen Ziele seien damit erledigt.
Der Bürgerhaushalt ruht, die Finanzlage zwingt zu Sparmaßnahmen, zentrale Teile des Ortes bleiben Baustelle beziehungsweise Planung, und gerade bei Kommunikation und Mobilität haben sich öffentlich sichtbare Konfliktfelder entwickelt.
Auch die Entwicklung von Medienprodukten wie "Michendorf.Blick" ist dafür zumindest ein Indiz: Die Plattform nennt Mobilitätskonzept, Ausgleichsbeträge, Apfelmitte und Flächennutzungsplan als besonders stark diskutierte kommunalpolitische Themen. Nach Angaben des Betreibers erreicht die Facebook-Gruppe inzwischen rund 200.000 Aufrufe im Monat.
Vielleicht liegt ein Teil der Erklärung für das Bürgermeisterbarometer deshalb nicht zwischen „alles geschafft“ und „nichts geschafft“, sondern zwischen Verwaltungsleistung und Wahrnehmung im Alltag.
Nach dem ersten Blick zurück ist klar: Die spannendste Frage lautet nicht nur, was seit 2019 passiert ist – sondern warum ein erheblicher Teil der damaligen Unterstützer heute trotzdem nicht mehr eindeutig hinter der Amtsinhaberin steht.




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