Zukunft ungewiss wie nie zuvor: Mitte Wilhelmshorst im Netz
- Oliver Bettermann

- vor 6 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Wilhelmshorst – Die Wilhelmshorster Ortsmitte steht plötzlich im Schaufenster des Internets: 2.740 Quadratmeter, angeboten für eine Million Euro. Doch hinter dem Inserat steckt weit mehr als ein gewöhnlicher Grundstücksverkauf.
Es geht um eine „grüne Oase“ mitten im Ort, einen beliebten Treffpunkt, eine denkbar knappe politische Entscheidung – und um einen Anzeigenpreis, der sogar unter dem offiziell verlangten Mindestpreis liegt.
Nun sollen Investoren ihre Ideen einreichen. Verkauft oder bebaut ist die Fläche damit aber noch lange nicht: Nach der politischen Auseinandersetzung im Jahr 2025 muss die Gemeindevertretung einem konkreten Konzept erneut zustimmen und kann am Ende auch alle Vorschläge ablehnen.
Damit bleibt die entscheidende Frage offen: Entsteht hier bald ein neues Bauprojekt – oder bleibt die Wilhelmshorster Mitte ein Platz für Begegnungen, Veranstaltungen und gemeinsames Ortsleben?
Mitten im Ort – und mitten im Ortsleben
Das Eckgrundstück liegt an der Peter-Huchel-Chaussee und der Vogelweide.
Bei dem Inserat wird als Anschrift Vogelweide 56 angegeben. Die Zufahrt soll ebenfalls über die Vogelweide erfolgen.
Laut Ausschreibung der Gemeinde ist die Fläche vollständig erschlossen und lastenfrei.
Das Grundstück gehört zum Bebauungsplangebiet 01/2002 „Wilhelmshorst Nord-West“ und ist als Mischgebiet ausgewiesen. Geschäfte, Arztpraxen, Bushaltestelle und Bahnhof befinden sich laut Angaben in der Umgebung.
Doch für viele Wilhelmshorster ist die Fläche längst mehr als eine Baulücke.
Dort finden Begegnungen, ehrenamtlich organisierte Aktivitäten und Veranstaltungen statt.
Die Bürgerinitiative „Gestaltung Mitte Wilhelmshorst“ kümmert sich seit Jahren um den Platz und setzt sich für mehr Aufenthaltsqualität ein.
Auch die Gemeinde bezeichnet die Grünanlage in ihrer Ausschreibung als beliebten Treffpunkt für das gemeinschaftliche Leben. Daran soll eine mögliche künftige Nutzung anknüpfen.
Ein knappes Ja – mit entscheidendem Vorbehalt
Die Ausschreibung geht auf eine denkbar knappe Entscheidung vom Oktober 2025 zurück. Damals stimmten elf Gemeindevertreter für das Konzeptverfahren, neun dagegen, zwei enthielten sich.
Die FDP/UWG-FW-Fraktion hatte gemeinsam mit Bündnis 90/Die Grünen beantragt, die Entscheidung zunächst zurückzustellen. Vor einem möglichen Verkauf sollte grundsätzlich geklärt werden, welche Rolle dieser besondere Ort künftig für Wilhelmshorst spielen soll.
Der Änderungsantrag scheiterte. Ganz ohne Wirkung blieb die Debatte nach Darstellung der FDP/UWG-FW-Fraktion jedoch nicht: Ein entscheidender Gedanke sei noch vor der Abstimmung in den endgültigen Beschlusstext aufgenommen worden – die Freiheit, später auch alle Konzepte abzulehnen.
„Unser Änderungsantrag hat damals sichergestellt, dass sich die Gemeindevertretung mit dem Konzeptverfahren gerade nicht auf einen Verkauf oder eine Bebauung festgelegt hat“, sagt Fraktionschef Axel Lipinski-Mießner gegenüber der MIR.
Der Antrag selbst erhielt keine Mehrheit. Lipinski-Mießner bezieht sich mit seiner Aussage auf die nach Angaben der Fraktion infolge der Debatte vorgenommene Änderung des endgültigen Beschlusstextes.
Erst die Idee, dann das Angebot
Interessenten müssen bis zum 15. Oktober 2026 zunächst eine Nutzungs- und Bebauungsskizze sowie eine Kaufpreisindikation einreichen.
Ausgewählte Bewerber sollen anschließend bis zum 15. Dezember ein detailliertes, zukunftsorientiertes und nachhaltiges Konzept samt verbindlichem Kaufangebot vorlegen.
Die Vorschläge sollen die Bedürfnisse der Bevölkerung ebenso berücksichtigen wie die städtebauliche Bedeutung des Standortes.
Laut Angaben sollen bei einem Verkauf Konzeptqualität und Kaufpreis gleich gewichtet werden.
Alternativ ist eine Vergabe im Erbbaurecht möglich. Der jährliche Erbbauzins beträgt fünf Prozent des Bodenrichtwertes. In diesem Fall soll vor allem die Qualität des Konzeptes entscheiden.
Politische Gremien und ein Bewertungsgremium begleiten das gesamte Verfahren.
Die wichtigste Hürde folgt jedoch zum Schluss: Ein Verkauf oder die Vergabe eines Erbbaurechts erfolgt erst, wenn die Gemeindevertretung dem ausgewählten Konzept ausdrücklich zustimmt.
Eine Million im Schaufenster
Auch beim Preis lohnt ein genauer Blick. ImmoScout und Kleinanzeigen zeigen jeweils einen Kaufpreis von einer Million Euro an.
Das entspricht bei 2.740 Quadratmetern einem Quadratmeterpreis von 364,96 Euro.
In der Ausschreibung verlangt die Gemeinde jedoch mindestens 370 Euro je Quadratmeter.
Der rechnerische Mindestpreis liegt damit bei 1.013.800 Euro und damit mind 13.800 Euro über dem Anzeigenpreis.
In den Beschreibungstexten der Portale werden die 370 Euro ebenfalls genannt.
Weshalb trotzdem nur eine Million Euro im Schaufenster steht, bleibt offen.
„Nicht irgendein Baugrundstück“
Für Lipinski-Mießner soll nicht allein der mögliche Verkaufserlös entscheiden.
„Die Wilhelmshorster haben ein Recht auf eine Ortsmitte, die diesen Namen wirklich verdient“, sagt er. Seine Fraktion werde jedes Konzept genau prüfen und dabei auch die Stimme der Bürgerinitiative ernst nehmen.
„Es geht hier nicht um irgendein Baugrundstück, sondern um einen der prägendsten Orte unseres Ortsteils und um eine Entscheidung, die auch kommende Generationen betrifft.“
Und wenn kein Vorschlag überzeugt?
Dann müsse auch ein Nein möglich sein: „Die Wilhelmshorster Mitte bleibt unbebaut und wird weiterhin für Veranstaltungen und zum Verweilen genutzt. Und damit könnte ich sehr gut leben.“
Die Ortsmitte steht nun im Internet. Ihre Zukunft ist damit aber noch lange nicht geklärt.




Kommentare